Am anderen Ende der Leitung wurde es still.

„Ich verstehe das“, sagte Marie schließlich, überraschend leise. „Es ist nur so: Mama verlangt jetzt, dass wir alle am Wochenende zu ihr kommen. Sie meint, sie werde uns zeigen, wie man Verwandte richtig empfängt. Noah hat gefragt, was wir mitbringen sollen, und sie war sofort gekränkt.“

Sabine konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„Dann hat die Lektion offenbar Kreise gezogen.“

„Hör mal, ich wollte mich auch entschuldigen. Ich dachte wirklich, du erwartest uns. Lukas hatte das so geschrieben, als sei alles besprochen.“

„Beim nächsten Mal fragst du bei mir nach.“

„Das mache ich.“

Das Gespräch endete ruhig. Marie wurde durch einen einzigen Anruf nicht zu Sabines enger Freundin und verwandelte sich auch nicht plötzlich in eine Verbündete. Aber sie hatte das Wichtigste getan: Sie hatte die Wirklichkeit anerkannt. In Lukas’ Familie war schon das ein Ereignis.

Am schlimmsten verhielt sich erwartungsgemäß Andrea. Sie schickte Lukas eine lange Sprachnachricht, in der sie erklärte, seine Frau sei „völlig außer Kontrolle geraten“, das Wochenendhaus sei ihr „zu Kopf gestiegen“ und „ein Mann müsse im eigenen Zuhause doch noch etwas zu sagen haben“. Lukas hörte die Nachricht in der Küche ohne Kopfhörer ab. Sabine kam genau in dem Augenblick herein, als Andreas Stimme aus dem Lautsprecher drang.

„…und wenn sie wegen jedem Saftkarton so einen Aufstand macht, wozu hat man dann überhaupt Familie?“

Sabine trat ruhig an den Tisch heran.

„Mach lauter. Ich möchte mir das bis zum Ende anhören.“

Lukas stoppte die Aufnahme hastig.

„Lass es.“

„Wieso? Deine Mutter spricht über mich, und zwar in meiner eigenen Wohnung. Da darf ich doch wohl prüfen, wie überzeugend ihre Argumente sind.“

„Fang bitte nicht schon wieder an.“

„Lukas, ich habe noch gar nicht angefangen. Ich werde nur nicht länger so tun, als hätte deine Mutter irgendein Recht, sich in mein Haus, meine Einkäufe oder unser Wochenendhaus einzumischen.“

Er rieb sich müde mit beiden Händen übers Gesicht.

„Was willst du denn jetzt?“

„Dass du ihr antwortest. Und zwar hier, vor mir.“

„Wie bitte?“

„Du sagst ihr, dass niemand ohne meine Einladung ins Wochenendhaus kommt. Und dass du diese ganze Situation selbst verursacht hast, weil du Leute eingeladen hast, ohne es mit mir abzusprechen.“

„Sie wird verletzt sein.“

„Das wird sie überstehen.“

„Sabine…“

„Du hast die Wahl. Entweder du setzt deiner Familie selbst Grenzen, oder ich tue es direkt. Bei mir klingt es dann allerdings weniger freundlich.“

Lukas starrte lange auf sein Handy. Schließlich atmete er aus und drückte auf Aufnahme.

„Mama, hallo. Wegen des Wochenendhauses: Sabine hat recht. Ich habe alle eingeladen, ohne sie vorher zu fragen, und ich habe mich auch nicht um die Einkäufe gekümmert. So etwas passiert nicht noch einmal. Wenn wir uns dort treffen wollen, sprechen wir das vorher ab und klären, wer was mitbringt. Ohne Sabines Zustimmung soll bitte niemand ins Wochenendhaus kommen.“

Er schickte die Nachricht ab und legte das Telefon mit dem Display nach unten auf den Tisch.