Sie sagte es ruhig, fast sachlich. Trotzdem nickte nach jedem Punkt irgendjemand unwillkürlich. Sabine bat nicht. Sie legte Regeln fest.

Marie hielt es als Erste nicht mehr aus.

„Hör mal, du redest, als wären wir irgendwelche Fremden.“

„Heute seid ihr auch wie Fremde gekommen“, sagte Sabine. „Ohne mich anzurufen, ohne Absprache, ohne überhaupt zu wissen, wer euch hier empfängt. So verhalten sich Verwandte nicht.“

Ihre Schwägerin umklammerte ihr Glas.

„Lukas hat uns eingeladen.“

„Dann frag Lukas, weshalb er dir nicht die Wahrheit gesagt hat.“

Damit war das Gespräch vorerst beendet. Sabine wusste allerdings, dass der eigentliche Teil noch kommen würde. Lukas würde einkaufen, Geld ausgeben, gereizt zurückkehren und ihr am Abend vorwerfen, sie habe ihn vor der Familie bloßgestellt. In solchen Dingen war er berechenbar. Und genau darin lag seine Schwäche.

Während die Männer weg waren, kümmerte Sabine sich um die Kinder. Ihren eigenen beiden legte sie Obst hin und schenkte ihnen Saft aus einer separaten Flasche ein, die sie in der Kühltasche aufbewahrt hatte. Den anderen Kindern bot sie Wasser an und erklärte, Süßigkeiten gebe es, sobald ihre Eltern vom Einkaufen zurück seien. Niemand brach wegen dieser ehrlichen Auskunft zusammen. Ella, inzwischen etwas beruhigt, ging mit Jonas zum Apfelbaum hinüber. Unterwegs fragte Jonas leise:

„Mama, hat Papa wirklich alle eingeladen, ohne dich zu fragen?“

„Ja.“

„Darf man das?“

„Man kann vieles tun“, sagte Sabine. „Aber danach muss man auch die Verantwortung dafür tragen.“

Ihr Sohn nickte. Sabine bemerkte, wie er zum Tor sah, obwohl das Auto längst fort war. Sie wollte die Kinder nicht in einen Konflikt der Erwachsenen hineinziehen. Noch weniger aber wollte sie ihnen zeigen, dass die Arbeit ihrer Mutter mit dem Satz „Sie hat doch alles organisiert“ einfach weggewischt werden konnte.

Nach etwa vierzig Minuten kamen Lukas und Noah zurück. Der Kofferraum war voll mit Tüten. Noah schleppte Wasserflaschen, Lukas trug Fleisch und Kohle. Sein Gesicht war verschlossen, seine Bewegungen abgehackt. Offenbar hatte er im Laden genügend Zeit gehabt, den Preis seiner Überraschung auszurechnen.

„Wir haben alles geholt“, sagte er knapp.

„Hast du den Bon aufgehoben?“, fragte Sabine.

„Wozu?“

„Damit man eine Vorstellung von der Größenordnung der Gastfreundschaft bekommt.“

Unerwartet reichte Noah ihr den Kassenzettel.

„Ich hab ihn genommen. Jonathan, Anton und ich haben uns beteiligt. Lukas hat auch beigesteuert, so viel er konnte.“

Lukas warf ihm einen finsteren Blick zu. Sabine nahm den Bon, überflog ihn und legte ihn auf den Tisch.

„Sehr gut. Jetzt ist diese Erholung wenigstens etwas ehrlicher verteilt.“

Andrea schnaubte.

„Bald muss man bei euch wahrscheinlich noch für die Luft bezahlen.“

„Nein“, sagte Sabine. „Die Luft ist vorerst kostenlos. Aber falls jemand in meinem Namen fünfzehn Leute dazu einlädt, werde ich mir erlauben, vorher nach den Einzelheiten zu fragen.“

Noah wandte sich schnell dem Grill zu, um sein Grinsen zu verbergen. Lina sah Sabine erneut an, diesmal mit offenem Respekt. Marie war noch immer unzufrieden, sagte aber nichts mehr. Wahrscheinlich hatte Noah im Auto ein paar deutliche Worte gefunden, denn sie verlangte plötzlich nicht mehr nach einem „normalen Umgang mit der Familie“.