Lina, Jonathans Frau, strich sich vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Uns hat Lukas gesagt, es sei alles besorgt. Hätten wir gewusst, wie es wirklich ist, hätten wir natürlich etwas mitgebracht.“

„Das glaube ich dir“, antwortete Sabine, und in ihrer Stimme lag kein Vorwurf gegen Lina. „Mein Problem seid nicht ihr. Mein Problem ist der Mensch, der beschlossen hat, auf meine Kosten großzügig zu wirken.“

Lukas wurde vor Ärger blass. Nicht auffällig, aber Sabine bemerkte es trotzdem.

„Gut“, sagte er gepresst. „Dann fahre ich eben jetzt einkaufen.“

„Mit deinem Auto?“

„Ja.“

„Wunderbar. Der Laden im Ort hat bis fünf geöffnet. Die Liste bekommst du sicher selbst hin: Fleisch, Gemüse, Brot, Wasser, Saft für die Kinder, Kohle. Und Einweggeschirr nimmst du auch mit. Ich werde ganz bestimmt nicht für vierzehn Personen Teller spülen.“

Noah hob plötzlich die Hand, als säße er in einer Versammlung.

„Ich überweise Lukas meinen Anteil.“

„Ich auch“, sagte Lina sofort.

Marie runzelte die Stirn.

„Noah, was soll das? Wir sind doch bei der Familie.“

„Eben“, antwortete ihr Mann ruhig. „Und gerade deshalb ist es unanständig, einfach dazusitzen und zu erwarten, dass andere einen auf eigene Rechnung bewirten.“

Marie lief rot an, schwieg aber. Andrea warf Noah einen Blick zu, in dem deutliches Missfallen lag.

Lukas zog sein Handy heraus.

„Sabine, überweis mir was.“

Im ersten Moment begriff sie nicht einmal, was er da gerade gesagt hatte. Dann drehte sie sich langsam zu ihm um.

„Was soll ich dir überweisen?“

„Geld. Meine Karte liegt zu Hause.“

Sabine lachte kurz auf. Leise, trocken, völlig ohne Heiterkeit.

„Das heißt, du hast Leute eingeladen, mir nichts gesagt, keine Lebensmittel gekauft und bist auch noch ohne Geld hergekommen?“

„Ich kann mit dem Handy zahlen, aber da ist ein Limit drauf.“

„Ein beeindruckender Organisator.“

Am Tisch räusperte sich jemand. Jonathan nahm sein Telefon zur Hand.

„Lukas, ich schicke dir etwas. Fahr mit Noah los und kauft ordentlich ein. So, wie es gelaufen ist, ist es wirklich peinlich.“

„Peinlich?“, Andrea zog die Schultern hoch. „Jetzt zählt die Verwandtschaft schon das Geld fürs Essen.“

Sabine wandte sich ihr zu.

„Nein, Andrea. Die Verwandtschaft hat gerade erst entdeckt, dass Essen nicht aus dem Nichts auf dem Tisch erscheint. Eine durchaus nützliche Erkenntnis.“

Andrea wollte etwas erwidern, doch Anton legte ihr unerwartet die Hand auf den Unterarm.

„Andrea, lass gut sein. Lukas hat hier Mist gebaut.“

Lukas starrte seinen Vater an, als hätte dieser ihn mitten auf dem Schlachtfeld verraten.

„Papa, meinst du das ernst?“

„Was denn sonst? Wenn du Leute einlädst, sorgst du auch dafür, dass genug da ist. Du bist ein erwachsener Mann.“

Diese Worte trafen Lukas offenbar stärker als alles, was Sabine gesagt hatte. Er richtete sich auf, griff nach den Autoschlüsseln und nickte Noah zu.

„Komm. Wir fahren.“

Sabine sah ihnen nach, bis sie am Tor verschwunden waren. Danach drehte sie sich wieder zu den übrigen Gästen um.

„Solange die Männer unterwegs sind: Wasser steht im Spender auf der Veranda. Die Toilette ist im Haus, aber die Kinder gehen bitte nur hinein, wenn sie keinen Sand an den Füßen haben. In die Schlafzimmer geht niemand. In den Schuppen bitte nicht ohne Erlaubnis. Das Grundstück ist klein, ich sehe ohnehin alles.“