Das Fleisch verschwand rasend schnell.
Lukas wollte großzügig wirken und verteilte die ersten Stücke an seine Eltern, dann an Marie und Noah, danach an die Kinder der Gäste und anschließend an Jonathan. Jonas bekam nur ein kleines Randstück. Ella saß überhaupt nur mit einer Gurke da und schaute auf die Teller der fremden Kinder. Sabine bemerkte es. Ihr Gesicht blieb unbewegt, doch ihre Finger schlossen sich fester um das Handtuch.
„Mama, bekomme ich auch noch was?“, fragte Ella leise.
„Ja“, antwortete Sabine und legte ihrer Tochter von einem separaten Teller ein Stück hin, das sie vorsorglich für ihre eigenen Kinder beiseitegestellt hatte.
Lukas sah es.
„Hast du etwa etwas versteckt?“
„Ich habe die Kinder versorgt.“
„Wir haben Gäste.“
„Diese Gäste haben Erwachsene, die sie hergebracht haben.“
Darauf sagte er nichts mehr.
Eine Stunde später standen nur noch leere Teller auf dem Tisch, daneben ein paar Kräuter und eine halbe Flasche Wasser. Die Hitze wurde drückender. Die Kinder der Gäste verlangten nach Süßigkeiten. Noah schaute in den Grill und verkündete:
„Na dann, die nächste Runde wäre fällig. Wir sind doch gerade erst richtig in Schwung gekommen.“
Marie lachte auf, als hätte Noah gerade etwas besonders Witziges gesagt.
„Stimmt, Sabine, das war wirklich so lecker, da muss man fast noch einmal nachlegen.“
Andrea nickte sofort zustimmend, als hätte sie nur auf dieses Stichwort gewartet.
„Draußen an der frischen Luft reicht es eben nie. Das weißt du doch, Sabine. Man hätte von Anfang an mehr einplanen müssen.“
Genau in diesem Moment nahm Sabine den letzten Grillrost herunter, stellte die Platte auf den Tisch und sagte ruhig den Satz, der ihr schon seit einer Weile auf der Zunge lag.
„Das Fleisch ist alle? Merkwürdig. Ich hatte schließlich niemanden außer meiner eigenen Familie eingeladen.“
Die Stille, die danach entstand, war beinahe greifbar.
Lukas war der Erste, der versuchte, die Lage irgendwie zu retten.
„Sabine, jetzt fang doch nicht so an. Die Leute sind hergekommen, um sich zu erholen.“
„Das sehe ich“, erwiderte sie. „Ich verstehe nur nicht, weshalb ihre Erholung automatisch zu meiner Aufgabe geworden ist.“
Marie blinzelte und richtete sich auf ihrem Stuhl etwas steifer auf.
„Also, nur damit das klar ist: Wir haben uns nicht selbst eingeladen. Lukas hat gesagt, ihr würdet uns erwarten.“
„Dann hat Lukas gelogen.“
Lukas fuhr zu seiner Frau herum.
„Willst du mich jetzt vor allen als Trottel hinstellen?“
„Nein“, sagte Sabine. „Das hast du ganz allein geschafft.“
Noahs Mundwinkel zuckte, doch er zwang sein Gesicht sofort wieder in eine ernste Miene. Andrea nahm ihre Brille ab und legte sie neben ihren Teller.
„Sabine, so spricht man vor Gästen nicht mit seinem Mann.“
„Und vor der eigenen Frau lädt man keine Gäste ein, ohne sie vorher zu fragen.“
„Ach, musst du denn immer alles aufrechnen?“, mischte sich Anton ein. „Früher waren die Menschen unkomplizierter. Wenn Verwandte vorbeikamen, hat man sich gefreut.“
Sabine sah ihn direkt an.
„Früher brachten Verwandte Einkaufstaschen mit, wenn sie wussten, dass sie den ganzen Tag bleiben. Sie kamen nicht mit leeren Händen und dem Plan, sich in den Schatten zu legen.“