Sabine schwieg.
Nicht, weil sie überfordert war. Sie beobachtete.
Das war ihre Gewohnheit: erst genau hinschauen, wer sich wie benahm, und erst danach so handeln, dass niemand behaupten konnte, sie habe sich alles nur eingebildet. Sie sah, wie Lukas strahlte, während er die Gäste empfing. Sie hörte, wie er Noah auf die Schulter klopfte und sagte:
„Entspannt euch, Sabine hat bei uns alles organisiert.“
Eine Augenbraue zuckte bei ihr. Sofort korrigierte sie ihn nicht. Stattdessen holte sie ihr Handy hervor und fotografierte den Tisch, bevor die Gäste sich darüber hermachten: vier Teller für Erwachsene, zwei Kinderteller, eine Dose mit Gemüse, eine Platte mit Kräutern, eine Flasche Saft, zwei Flaschen Wasser und der Behälter mit Fleisch, berechnet für eine einzige Familie. Danach fotografierte sie die Autos am Tor. Einfach als Erinnerung. Oder vielleicht nicht nur deshalb.
Als Lukas zu ihr kam, um Streichhölzer zu holen, fragte sie leise:
„Wie viele Leute hast du eingeladen?“
„Hab ich nicht gezählt.“
„Und wer hat die Lebensmittel gezählt?“
„Sabine, bitte blamier mich jetzt nicht. Wir lassen uns schon etwas einfallen.“
„Du hast dir bereits etwas einfallen lassen. Du hast Leute eingeladen, ohne mir Bescheid zu sagen.“
Er verzog das Gesicht.
„Ich wollte euch überraschen. Alle wollten schon ewig mal rausfahren.“
„Wen wolltest du überraschen? Mich?“
„Alle.“
Sabine sah ihn so an, dass Lukas endlich aufhörte zu lächeln.
„Alle außer der Person, die das Ganze bezahlen, vorbereiten und bedienen soll.“
„Übertreib nicht. Wir fahren nachher eben in den Supermarkt und kaufen nach.“
„Wer fährt?“
„Na ja … ich. Später.“
„Und später mariniert sich das Fleisch von allein?“
Lukas wandte den Blick zum Grill.
„Fang bitte nicht vor allen an.“
„Im Moment rede ich noch ohne Zeugen mit dir. Genieß diesen Augenblick.“
Er wollte scharf antworten, doch in diesem Moment rief Noah:
„Lukas, habt ihr noch Kohle? Für so eine Menge wird das hier ein bisschen knapp!“
Sabine lächelte nur mit einem Mundwinkel. Die Menge hatte sich gerade selbst als Menge bezeichnet.
Sie hätte sofort einen Skandal machen können. Sie hätte das Haus abschließen, die Kinder nehmen und verlangen können, dass alle wieder verschwanden. Aber Sabine kannte die Verwandtschaft ihres Mannes. In derselben Sekunde hätte man sie zur hysterischen Gastgeberin erklärt, die „wegen ein paar Stücken Fleisch“ Aufstand machte. Andrea hätte noch ein halbes Jahr erzählt, wie ihre Schwiegertochter Gäste mit leeren Tellern fortgejagt habe. Lukas hätte den gekränkten Friedensstifter gespielt.
Nein. Dieses Geschenk würde Sabine ihnen nicht machen.
Sie wählte einen anderen Weg.
Zuerst bereitete sie genau das zu, was sie gekauft hatte. Nicht mehr und nicht weniger. Keine zusätzlichen Salate aus Vorräten. Kein hastiger Gang zu den Nachbarn, um Kartoffeln zu erbetteln. Kein „ich hole noch das Letzte aus dem Gefrierfach“. Sie stellte nur das auf den Tisch, was für ihre eigene Familie vorgesehen gewesen war, und beobachtete ruhig, wie die Gäste auf die Wirklichkeit trafen.