Antonia schnaubte verächtlich.
„Ach was, Einbildung! Auf dem Land essen Kinder, was auf den Tisch kommt, und machen nicht so ein Theater. Ihr Stadtleute habt euch diese Allergien doch nur ausgedacht.“
Sabine begriff, dass jede weitere Erklärung sinnlos war. Wortlos holte sie den Joghurt für ihre Tochter aus dem Kühlschrank und begann, Obst kleinzuschneiden. Thomas war bereits zur Arbeit gegangen. Auf dem Küchentisch lag nur ein Zettel von ihm: Er werde zum Abendessen zurück sein und für alle etwas Leckeres mitbringen.
Der Tag zog sich zäh wie Kaugummi. Antonia hatte zwar groß angekündigt, sich um ihre Enkelin kümmern zu wollen, schenkte Mia jedoch kaum Beachtung. Dafür verschwand sie gleich zweimal im Supermarkt um die Ecke und kam jedes Mal mit prall gefüllten Einkaufstaschen zurück.
„Ich habe Eingemachtes besorgt“, verkündete sie und stellte mehrere Gläser auf den Tisch. „Nicht diesen industriellen Fraß, von dem ihr euch hier ernährt. Diese merkwürdigen Früchte und all den anderen Kram kann doch kein Mensch essen.“
„Danke, aber wir haben genug Vorräte“, sagte Sabine beherrscht. „Auch Eingelegtes.“
Dabei musste sie mitansehen, wie ihre Schwiegermutter ohne jede Scheu den Kühlschrank ausräumte, Packungen verschob und Sabines ordentlich sortierte Lebensmittel irgendwohin stopfte.
„Nicht das Richtige“, schnitt Antonia ihr das Wort ab. „So etwas rühre ich nicht an. Und mein Sohn übrigens auch nicht, ich kenne ihn schließlich. Überhaupt kochst du viel zu selten etwas Anständiges zu Hause.“
Sabine presste die Lippen aufeinander. Sie hätte gern etwas erwidert, doch sie schluckte es hinunter. Thomas hatte sie gebeten, Geduld zu haben.
Nach dem Mittagessen, als Mia ihren Mittagsschlaf hielt, setzte sich Antonia plötzlich mit einer Tasse Tee Sabine gegenüber an den Küchentisch. Ihr Gesichtsausdruck war so entschlossen, dass Sabine sofort ahnte: Jetzt kam nichts Gutes.
„Wir müssen reden, Sabine“, begann Antonia in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Ich habe mir nämlich etwas überlegt.“
„Was denn?“ Sabine hob den Blick vom Laptop, auf dem sie gerade ihre beruflichen E-Mails kontrollierte.
„Ich werde zu euch ziehen. Dauerhaft.“
Sabine blinzelte. Für einen Moment war sie überzeugt, sich verhört zu haben.
„Wie bitte?“
„Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum ich wieder aufs Land zurückfahren sollte“, erklärte Antonia, als ginge es um eine völlig belanglose Sache. „Dort ist es langweilig, besonders im Winter. Hier gibt es alles: Geschäfte, Parks, ein bisschen Leben. Und ich kann auf Mia aufpassen, während du und Thomas arbeitet.“
„Aber… wir haben gar keinen Platz“, brachte Sabine hervor. „Diese Wohnung ist für vier Personen viel zu klein.“
„Unsinn.“ Antonia machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das Kinderzimmer ist für mich vollkommen ausreichend. Mia kann bei euch schlafen oder im Wohnzimmer. Sie ist doch noch klein, sie braucht nicht so viel Raum.“
In Sabine stieg heiße Wut auf.
„Antonia, das kommt nicht infrage. Mia braucht ihr eigenes Zimmer. Und Thomas und ich haben nie geplant, mit Ihnen zusammenzuziehen.“