„Mit wem denn? Mit seiner Mutter?“ Antonia kniff die Augen zusammen. „Ich habe es gewusst. Du willst mich von meinem Sohn fernhalten. Thomas hat immer gesagt, dass er mich in seiner Nähe haben möchte. Früher wollte er sogar zurück aufs Land ziehen, bis du aufgetaucht bist. Und jetzt bist wieder du das Problem. Außerdem haben wir das längst besprochen.“

„Was?“ Sabine starrte sie fassungslos an. „Thomas hat mir kein Wort davon gesagt.“

„Dann hatte er wohl Angst vor deiner Reaktion“, erklärte Antonia triumphierend. „Aber die Entscheidung ist gefallen. Ich verkaufe mein Haus und ziehe hierher. Mia wird sich eben an die neuen Verhältnisse gewöhnen müssen.“

Ohne Sabines Antwort abzuwarten, stand Antonia auf und ging schnurstracks zum Kinderzimmer. Sabine folgte ihr und blieb entsetzt in der Tür stehen. Ihre Schwiegermutter hatte bereits begonnen, Mias Zeichnungen und Fotos von den Wänden zu nehmen.

„Was machen Sie da?“ Sabine riss ihr den Bilderrahmen aus der Hand, in dem Mia an ihrem ersten Geburtstag zu sehen war.

„Ich richte mein Zimmer ein“, antwortete Antonia vollkommen ungerührt. „Diese Kinderbilder müssen weg. Das Bettchen stellen wir ans Fenster. Oder wir schaffen es gleich hinaus, es nimmt viel zu viel Platz weg.“

„Antonia!“ Sabine zwang sich, ruhig zu sprechen, doch ihre Stimme bebte vor Zorn. „Sie können nicht einfach hier hereinkommen und das Zimmer meiner Tochter an sich reißen. Thomas und ich haben darüber nicht gesprochen, und wir werden—“

„Ich habe dir doch gesagt, Thomas ist einverstanden“, fiel Antonia ihr ins Wort. „Du wirst dich damit abfinden müssen. Immerhin bin ich seine Mutter. Du bist nur seine Frau. Ehefrauen kommen und gehen, aber eine Mutter bleibt für immer.“

„Legen Sie Mias Sachen sofort wieder hin“, sagte Sabine nun deutlich lauter. Ihre Empörung war nicht mehr zu verbergen. Antonia packte unterdessen Spielsachen in einen großen Karton, von dem Sabine nicht einmal wusste, woher er plötzlich gekommen war.

„Du hast mir gar nichts zu befehlen“, erwiderte Antonia mit unerschütterlicher Miene. „Wenn du dein Kind richtig erziehen würdest, lägen die Spielsachen nicht überall im Zimmer herum.“

Sabine holte tief Luft und versuchte, nicht die Kontrolle zu verlieren. Vor dem Fenster wurde es bereits dunkel, und von Thomas war noch immer nichts zu sehen.

Die Lage glitt Sabine immer weiter aus den Händen.

„Hören Sie mir jetzt gut zu“, sagte sie und bemühte sich, jedes Wort ruhig und vernünftig klingen zu lassen. „Ich weiß nicht, was Sie Thomas erzählt haben und was er darauf geantwortet haben soll. Aber er und ich haben nie darüber gesprochen, dass Sie bei uns einziehen. Und ganz sicher werden wir unserer Tochter nicht ihr Zimmer wegnehmen.“

Antonia richtete sich auf, verschränkte die Arme vor der Brust und sah Sabine an, als hätte diese etwas Ungeheuerliches ausgesprochen.

„Ach, so ist das also?“, sagte sie schneidend. „Dieses Kind ist dir wichtiger als die Mutter deines Mannes? Typisch Schwiegertochter. Ich habe Thomas immer gesagt, dass du nicht in unsere Familie passt.“