Thomas sah sie fest an.

„Warum hast du Sabine erzählt, ich hätte deinem Einzug zugestimmt?“, fragte er ohne Ausweichen. „Darüber haben wir nie gesprochen.“

Für einen kurzen Augenblick verlor Antonia die Fassung. Ihr Blick glitt zur Seite, ihre Finger krampften sich um den Stoff ihrer Bluse.

„Nun ja… nicht direkt so“, sagte sie schließlich. „Aber du hast doch oft gesagt, dass du mich vermisst. Dass du dich freuen würdest, wenn ich öfter käme.“

„Zu Besuch, Mama“, stellte Thomas klar. „Für ein paar Tage. Nicht, um dauerhaft bei uns zu wohnen. Das ist ein gewaltiger Unterschied.“

In diesem Moment öffnete sich die Schlafzimmertür. Sabine trat heraus, Mia auf dem Arm, noch verschlafen, mit zerzausten Haaren und geröteten Wangen. Kaum entdeckte das Mädchen seinen Vater, streckte es beide Ärmchen nach ihm aus.

„Papa! Papa ist wieder da!“

Thomas nahm seine Tochter sofort entgegen und drückte sie fest an sich. Das kleine warme Gewicht in seinen Armen, ihr Atem an seinem Hals, ihre Finger, die sich in sein Hemd krallten – all das ließ etwas in ihm ruhiger werden. Mia legte den Kopf auf seine Schulter. Und gerade in diesem Augenblick war die Ähnlichkeit zwischen ihnen kaum zu übersehen: die Form der Nase, der Schnitt der Augen, sogar die kleine Falte zwischen den Brauen, wenn sie ernst schaute, war dieselbe.

„Wie kannst du behaupten, sie sehe mir nicht ähnlich?“, fragte Thomas leise, ohne den Blick von seiner Mutter zu wenden. „Sie ist mir wie aus dem Gesicht geschnitten.“

Antonia presste die Lippen zusammen.

„Die Haare hat sie nicht von dir“, murmelte sie. „Und ihr Wesen schon gar nicht.“

„Die Haare kommen nach Sabines Großmutter“, erwiderte Thomas kontrolliert. „Und ihr Wesen? Das hat sie von uns beiden. Die Sturheit übrigens eindeutig von mir.“

Er setzte Mia vorsichtig auf den Boden und strich ihr über den Kopf.

„Mein Schatz, geh bitte noch einen Moment in dein Zimmer spielen. Papa muss mit Oma reden.“

Mia nickte, ohne die Spannung im Raum wirklich zu begreifen, und tappte davon. Erst als die Tür hinter ihr angelehnt war, wandte Thomas sich wieder seiner Mutter zu. Sein Gesicht hatte sich verhärtet.

„Mama, ich sage es noch einmal: Ich liebe dich. Wirklich. Aber was du hier veranstaltet hast, geht weit über jede Grenze hinaus. Du greifst meine Frau an, du stellst mein Kind infrage, du bringst Misstrauen in unser Zuhause. Ich verstehe nicht, warum du das tust.“

„Ich greife niemanden an!“, fuhr Antonia auf. „Ich will nur meinen Platz in deinem Leben behalten! Diese Frau hat mich von Anfang an nicht gemocht. Sie hetzt dich gegen deine eigene Mutter auf, und du merkst es nicht einmal!“

Thomas schüttelte langsam den Kopf.

„Sabine hat nie schlecht über dich gesprochen. Kein einziges Mal. Selbst dann nicht, wenn du ihr Dinge an den Kopf geworfen hast, die sie nicht verdient hatte. Sie hat dich respektiert, weil du meine Mutter bist. Und du…“

Er brach ab. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Doch Antonia sah in seinen Augen genug. Da war keine Wut mehr, sondern etwas Schlimmeres: bittere Enttäuschung.