Nach einigen Sekunden sagte Thomas mit matter Stimme:

„Ich glaube, es ist besser, wenn du fährst. Heute noch. Ich bestelle dir ein Taxi zum Bahnhof und besorge dir eine Fahrkarte. Morgen früh bist du wieder zu Hause.“

Antonia starrte ihn an, als hätte er sie geschlagen.

„Du wirfst mich hinaus? Deine eigene Mutter?“

Thomas atmete tief durch.

„Sabine ist meine Frau. Mia ist meine Tochter. Niemand darf sie beleidigen, verdächtigen oder belügen. Auch du nicht.“

Ohne eine weitere Diskussion abzuwarten, ging er in das Kinderzimmer. Dort hatte Antonia bereits einen Teil ihrer Sachen ausgebreitet, als sei ihr Bleiben längst beschlossen. Thomas nahm die Kleidungsstücke, faltete sie mechanisch zusammen und legte sie zurück in den Koffer.

„Was soll das werden?“, rief Antonia hinter ihm. Ihre Stimme überschlug sich.

„Ich helfe dir beim Packen“, antwortete er ruhig. „Das Taxi kommt in ungefähr einer halben Stunde.“

Erst da begriff sie, dass er es ernst meinte. Die gekränkte, leidende Mutter verschwand wie eine Maske von ihrem Gesicht. Zurück blieb nackte Wut.

„Wie kannst du es wagen, Thomas?“, zischte sie. „Sie hat dich um den Finger gewickelt! Sie hat dir den Kopf verdreht und dir ein fremdes Kind untergeschoben. Und du Trottel glaubst ihr auch noch! Ihr Männer seid doch alle gleich – sobald euch eine Frau schöne Augen macht, schaltet ihr den Verstand aus.“

Thomas antwortete nicht. Wortlos schloss er den Koffer, holte ihre Tasche aus dem Flur und stellte alles bereit. Als das Taxi unten vor dem Haus hielt, trug er das Gepäck hinaus. Antonia folgte ihm steif und mit erhobenem Kinn, als wolle sie sich nicht anmerken lassen, wie sehr sie kochte.

Er öffnete ihr die Autotür und wollte ihr noch Geld für die Fahrkarte geben, doch sie sah an ihm vorbei, als sei er Luft.

„Mama“, sagte er, bevor der Fahrer losfahren konnte.

Sie reagierte nicht.

„Wenn du irgendwann bereit bist, dich bei Sabine zu entschuldigen und Mia als meine Tochter anzunehmen, dann melde dich“, sprach Thomas weiter. „Bis dahin kommst du nicht mehr hierher.“

Das Taxi fuhr an und bog wenig später um die Ecke. Thomas blieb noch einen Moment auf dem Gehweg stehen. Die Abendluft war kühl, doch erst jetzt merkte er, wie heiß sein Gesicht war und wie sehr seine Hände zitterten.

Als er in die Wohnung zurückkehrte, saß Sabine in der Küche. Vor ihr stand eine Tasse Tee, längst kalt geworden. Sie hielt sie mit beiden Händen umklammert, als brauche sie etwas, woran sie sich festhalten konnte.

„Sie ist weg“, sagte Thomas leise und setzte sich neben sie. „Ich hätte nie gedacht, dass sie zu so etwas fähig ist.“

Sabine sah ihn müde an.

„Was hast du denn erwartet? Ich habe dir doch immer wieder gesagt, wie sie ist. Selbst nachdem sie all das gesagt hatte, wolltest du noch glauben, sie meine es nicht so.“

„Ich weiß“, gab er zu. „Aber sie ist meine Mutter. Man will so etwas nicht sehen.“ Er schwieg kurz, dann griff er nach Sabines Hand. „Trotzdem… du und Mia, ihr seid mein Zuhause. Mein Leben. Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich nicht früher erkannt habe, wie weit sie gehen würde.“

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Es gab nichts mehr zu erklären, nichts mehr zu verteidigen. Irgendwann standen sie gemeinsam auf und gingen zu ihrer Tochter.

Mia saß auf dem Teppich und strahlte, als sie die beiden sah. Von dem Drama der Erwachsenen verstand sie nichts. Stolz hielt sie ihnen ein Blatt Papier entgegen. Darauf waren drei krumme, bunte Figuren zu sehen, die sich an den Händen hielten.

Eine kleine Familie.

Nicht perfekt, nicht frei von Verletzungen – aber echt.

„Die Wohnung bekommst du nach der Scheidung, aber einziehen wird meine Mutter“, sagte ihr Mann und verzog den Mund zu einem spöttischen Grinsen.

Laura König legte den Taschenrechner, mit dem sie eben noch die Haushaltsausgaben durchgegangen war, langsam zur Seite. Im Wohnzimmer wurde es so still, dass es beinahe klingelte. Draußen lag helles Märzlicht über den Dächern von München, doch im Raum herrschte Dämmerung. Andreas Krüger hatte vor dem Gespräch absichtlich die Vorhänge zugezogen.

„Wie bitte? Deine Mutter soll in MEINER Wohnung wohnen?“ Laura zog die Unterlagen aus der Mappe.