Marlene schluckte die Kränkung hinunter, obwohl sich in ihr alles zusammenzog. Sie hatte nicht gewusst, dass ihre Schwiegermutter fremde, kaum bekannte Menschen zum Geburtstag ihres Mannes eingeladen hatte. Alexander hatte nie erwähnt, dass seine Mutter solche Pläne für Familienfeiern schmiedete – vermutlich, weil er selbst dagegen gewesen wäre.

„Weiß Alexander denn, dass Sie Maximilian eingeladen haben?“, fragte sie leise.

Stefanie winkte nur ab. „Was muss er da wissen? Ich bin seine Mutter und will nur das Beste für ihn. Er ist viel zu bescheiden, von allein würde er nie auf die richtige Person zugehen oder sich bemerkbar machen. Also helfe ich eben ein wenig nach. Du sorgst einfach dafür, dass der Tisch dem Anlass entspricht. Blamier mich nicht vor den Leuten.“

Marlene nickte, obwohl sich längst ein unangenehmes Gefühl in ihr eingenistet hatte.

Gegen Abend trafen die Gäste ein. Alexander kam von der Arbeit zurück und hatte sich kaum umgezogen, da klingelten bereits die ersten Besucher: Kollegen, alte Studienfreunde, Menschen, mit denen er wirklich verbunden war. Zunächst war die Stimmung warm, lebendig und ehrlich fröhlich.

Doch als Maximilian mit seiner Frau Andrea erschien, veränderte sich alles. Stefanie strahlte plötzlich, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet. Sie eilte ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegen, führte sie zu den besten Plätzen am Tisch und stellte sie als „liebe Freunde der Familie“ vor. Marlene wusste genau, dass Alexander diesen Mann höchstens zwei Mal bei Firmenveranstaltungen gesehen hatte.

Alexander warf seiner Mutter einen irritierten Blick zu, sagte vor den Gästen jedoch nichts. Stattdessen sah er Marlene fragend an. Sie zuckte nur leicht mit den Schultern.

Das Essen nahm seinen Lauf. Marlene stand immer wieder auf, brachte warme Speisen, füllte Vorspeisen nach und schenkte Getränke ein. Nach dem langen Tag in der Küche war sie erschöpft, ihre Beine schmerzten, doch sie ließ sich nichts anmerken. Sie lächelte, antwortete höflich, wenn jemand sie ansprach, und tat alles, damit der Abend nicht kippte.

Genau in diesem Moment begann das, woran Marlene später nur mit einem inneren Schauder zurückdenken würde.

„Marlene, Liebes“, rief Stefanie mit zuckersüßer Stimme, „geh doch bitte noch etwas frisches Grün holen, der Tisch wirkt schon nicht mehr so appetitlich.“

Marlene tat, worum sie gebeten worden war. Kaum zehn Minuten später hörte sie erneut Stefanies Stimme:

„Marlene, wäre es nicht langsam an der Zeit, den Hauptgang aufzutragen? Maximilian mag es, wenn alles pünktlich serviert wird.“

Also erhob Marlene sich wieder, obwohl sie sich gerade erst gesetzt hatte, um wenigstens für einen Augenblick durchzuatmen.

Als sie zum dritten Mal versuchte, neben Alexander am Tisch Platz zu nehmen, sagte ihre Schwiegermutter laut genug, dass alle es hören konnten:

„Marlene, du hast die Gläser noch nicht ausgetauscht. Die Gäste sind mit dem Wein fertig, und du sitzt einfach da.“

Alexander zog die Stirn kraus.

„Mama, lass Marlene doch kurz verschnaufen. Sie hat den ganzen Tag gekocht.“