„Ach, mein Junge“, erwiderte Stefanie mit einem breiten, künstlichen Lächeln, „was heißt hier verschnaufen? Wir haben wichtige Gäste, da muss man sich entsprechend benehmen.“

Ohne ein Wort stand Marlene auf und ging zurück in die Küche. Ihre Wangen begannen vor Scham zu brennen. Aus dem Augenwinkel hatte sie gesehen, wie Maximilian und seine Frau einen Blick miteinander wechselten — vielleicht mitleidig, vielleicht neugierig. Es war, als säßen sie nicht bei einem Familienessen, sondern beobachteten eine unangenehme Szene auf einer Bühne.

Als Marlene mit frischen Gläsern zurückkehrte, war am Tisch bereits eine lebhafte Unterhaltung über eine Ausstellung moderner Kunst im Gange. Andrea sprach über Konzepte, über Postmoderne und künstlerische Strömungen, während Stefanie eifrig nickte und sich gab, als sei sie eine Kennerin. Marlene wusste allerdings genau, dass ihre Schwiegermutter dieses Wort vermutlich noch nie zuvor in den Mund genommen hatte.

Vorsichtig ließ Marlene sich auf die Stuhlkante neben ihrem Mann sinken. Sie hoffte, wenigstens ein paar Minuten ausruhen und dem Gespräch folgen zu können. Doch kaum waren zwei Minuten vergangen, beugte Stefanie sich zu ihr hinüber und flüsterte so leise, dass die Gäste es nicht mitbekamen:

„Marlene, komm bitte kurz mit. Ich brauche dich in der Küche.“

Marlene folgte ihr, weil sie tatsächlich glaubte, Hilfe werde benötigt. Doch kaum hatten sie die Küche betreten, fiel Stefanies süßliche Maske ab. Ihr Gesicht wurde hart, kalt und beinahe angewidert.

„Was bildest du dir eigentlich ein, dich da einfach breitzumachen?“, zischte sie. „Siehst du nicht, dass im Wohnzimmer über anspruchsvolle Dinge gesprochen wird? Und du sitzt daneben, klimperst mit den Augen und tust so, als könntest du irgendetwas davon verstehen.“

„Stefanie“, antwortete Marlene leise, aber mit fester Stimme, „ich habe alles vorbereitet. Der Tisch ist gedeckt, das Geschirr gespült, das Essen serviert. Ich wollte nur ein bisschen bei meinem Mann sein, an seinem Geburtstag.“

Da sagte ihre Schwiegermutter diesen Satz.

„Mit deinem provinziellen Gesicht gehörst du in die Küche. Stör nicht die anständigen Leute beim Feiern.“

Marlene erstarrte. Sie stammte aus einem kleinen Ort in der Umgebung, und sie hatte sich dafür nie geschämt. Seit ihrer Jugend hatte sie gearbeitet, sich ihre Ausbildung erkämpft, beruflich Fuß gefasst und sich alles selbst aufgebaut. Nie hatte sie sich für weniger wert gehalten als Menschen aus Essen, nie hatte sie sich angebiedert oder unterwürfig verhalten. Doch diese Worte, mit einer so eisigen Verachtung ausgesprochen, trafen sie mitten ins Herz.

„Wie bitte?“, fragte sie noch einmal, weil sie hoffte, sich verhört zu haben.

„Du hast mich sehr gut verstanden“, sagte Stefanie und dachte gar nicht daran, zurückzurudern. „Drüben sitzen Menschen, die sich über Kunst, Kultur und ernste Angelegenheiten unterhalten. Du würdest dort nur stören. Davon verstehst du nichts, absolut nichts. Wenn du deinem Mann wirklich Gutes willst, dann solltest du begreifen, wo dein Platz ist. Nicht an diesem Tisch. Dein Platz ist hier, in der Küche.“