Marlene blieb wie angewurzelt stehen. Ihre Hände zitterten. Sie wollte etwas entgegnen, etwas Scharfes, etwas, das dieser Demütigung standhielt. Doch die Tränen, die ihr in die Kehle stiegen, schnürten ihr die Stimme ab. Schließlich nickte sie nur stumm, drehte sich weg und griff wieder nach dem schmutzigen Geschirr, nur um ihre bebenden Hände irgendwie zu beschäftigen.

Etwa zwanzig Minuten vergingen. Marlene spülte gerade die letzten Teller ab, als Alexander in die Küche kam. Er sah seine Frau an, bemerkte ihre geröteten Augen, die fest zusammengepressten Lippen, und begriff sofort, dass etwas passiert war.

„Marlene, was ist los?“, fragte er leise, trat näher und legte ihr die Hände auf die Schultern.

Zuerst versuchte sie abzuwinken. Sie murmelte, es sei nichts, sie sei nur müde. Doch Alexander ließ sich nicht abwimmeln. Sein Blick blieb ruhig, aber bestimmt auf sie gerichtet, und am Ende hielt sie es nicht mehr aus. Sie erzählte ihm alles. Wie sie den ganzen Abend unter immer neuen Vorwänden vom Tisch weggeschickt worden war. Wie seine Mutter sie angeblich wegen Hilfe in die Küche gerufen hatte, nur um sie dort zu erniedrigen. Und schließlich wiederholte sie Wort für Wort, was Stefanie zu ihr gesagt hatte.

Alexander hörte schweigend zu. Mit jedem Satz verdüsterte sich sein Gesicht ein wenig mehr. Er war nie ein aufbrausender Mensch gewesen, eher besonnen, vernünftig, jemand, der versuchte, zwischen seiner Frau und seiner Mutter Spannungen zu glätten. Doch nun trat ein Ausdruck in seine Augen, den Marlene nur selten bei ihm gesehen hatte.

„Das hat sie wirklich gesagt?“, fragte er mit dumpfer Stimme. „Das mit dem provinziellen Gesicht?“

Marlene nickte. Sie brachte es nicht über sich, diese Worte noch einmal laut auszusprechen.

„Und auch, dass du keinen Platz am Tisch hast?“

„Ja.“

Für einen Moment schloss Alexander die Augen, als müsse er sich sammeln. Er war ohnehin schon verärgert darüber gewesen, dass seine Mutter ohne sein Wissen fremde Menschen zu Familienfeiern einlud.

um daraus irgendwelche nützlichen Bekanntschaften zu knüpfen. Alexander hatte ihr das mehr als einmal gesagt. Er hatte sie gebeten, sich auf diese Weise nicht in seinen beruflichen Weg einzumischen, hatte ihr erklärt, dass er alles aus eigener Kraft erreichen wolle — durch Arbeit, nicht durch Kontakte, die zufällig bei einem festlich gedeckten Tisch entstanden. Doch Stefanie hörte nicht zu. Sie blieb bei ihrer Überzeugung, sie wisse besser als ihr erwachsener Sohn, was gut für ihn sei.

Und nun kam auch noch das hier hinzu.

„Gut“, sagte Alexander schließlich. Seine Stimme klang ruhig, aber in dieser Ruhe lag etwas, das nichts Gutes verhieß. „Bleib bitte einen Moment hier.“

Er verließ die Küche und ließ Marlene verwirrt zurück. Sie hörte seine Schritte im Flur, dann im Wohnzimmer. Für einen Augenblick verstummten die Gespräche am Tisch. Kurz darauf erklang Alexanders Stimme — höflich, beherrscht, aber so fest, dass niemand sie überhören konnte.

„Liebe Gäste, es tut mir leid, aber mir ist plötzlich nicht gut. Mir ist schwindlig geworden. Ich glaube, wir sollten den Abend heute etwas früher beenden. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.“