Danach wurde es im Zimmer so still, dass selbst das leise Ticken der Uhr auffiel. Stefanie senkte den Blick. Ihre Finger kneteten nervös den Rand der Tischdecke, über deren angeblich mangelnde Eleganz sie sich vor kaum einer Stunde noch herablassend geäußert hatte.
„Und was soll jetzt geschehen?“, fragte sie nach einer langen Pause kaum hörbar.
Alexander atmete schwer aus. Sein Blick glitt zu Marlene, die noch immer in der Küchentür stand. Sie war blass, erschöpft, mit geröteten Augen, aber in ihrem Gesicht lag nun auch ein Anflug von Ruhe — die Erleichterung darüber, dass ihr Mann sich nicht weggeduckt hatte.
„Ab jetzt, Mama, ändern sich die Regeln“, sagte er. „Wir werden dich nicht mehr so unterstützen wie bisher. Nicht mehr jeden Monat, nicht mehr ohne Nachfragen, nicht mehr für jede Ausgabe, die du für notwendig erklärst. Wenn wirklich etwas Ernstes passiert, wenn es um Gesundheit geht oder um eine echte Notlage, dann bin ich da. Das weißt du. Aber alles andere wirst du künftig selbst tragen müssen.“
„Alexander!“ Stefanie fuhr zusammen, als hätte er ihr etwas Unfassbares gesagt. In ihrem Ausruf lagen Kränkung und ganz echte Angst zugleich. „Das meinst du doch nicht ernst. Du willst deiner eigenen Mutter wegen so einer Kleinigkeit die Hilfe verweigern?“
„Das ist keine Kleinigkeit“, sagte Alexander und schüttelte den Kopf. „Und es ist auch kein Missverständnis. Es ist deine Art, mit der Frau umzugehen, die ich liebe und mit der ich mein Leben verbringen will. Versteh mich richtig: Ich streiche dich nicht aus meinem Leben. Wenn du in Schwierigkeiten gerätst, werde ich nicht wegsehen. Aber ich werde nicht länger danebenstehen und schweigen, während du Marlene erniedrigst. Damit ist Schluss.“
Stefanie öffnete den Mund, als wolle sie sich verteidigen. Vielleicht suchte sie nach einem Satz, der alles wieder in ihre gewohnte Ordnung bringen würde — nach einem Vorwurf, nach einer Rechtfertigung, nach dem Hinweis, sie meine es doch nur gut. Doch als sie in das entschlossene Gesicht ihres Sohnes sah, begriff sie, dass Worte in diesem Moment nichts mehr ausrichten würden. Langsam erhob sie sich. Ihre Bewegungen waren steif, fast würdevoll, aber das Zittern ihrer Hände verriet sie.
Während sie ihre Tasche nahm und ihren Mantel über den Arm legte, murmelte sie etwas von Undankbarkeit, davon, dass sie doch immer nur an das Beste für alle gedacht habe, und dass Kinder heutzutage keine Ahnung hätten, was eine Mutter alles opfere. Alexander antwortete nicht mehr. Er ließ ihre Sätze ins Leere laufen, begleitete sie schweigend bis zur Wohnungstür und wartete, bis sie hinausgetreten war.
Erst als das Schloss leise einrastete, erlaubte er sich, die Schultern sinken zu lassen.
Dann ging er zurück in die Küche.
Marlene stand noch immer dort, als hätte sie nicht gewusst, wohin mit sich. Die Arme hatte sie eng um den Körper geschlungen, als fröre sie, obwohl die Luft in der Küche warm war. Zwischen den Tellern, den Gläsern und den Resten des festlichen Essens wirkte sie plötzlich sehr klein, sehr müde und zugleich unendlich tapfer.