Geschichte
„Bleib du lieber zu Hause“ sagte er abweisend — sie machte sich trotzdem ohne Vorwarnung auf den Weg

„Bleib du lieber zu Hause“ sagte er abweisend — sie machte sich trotzdem ohne Vorwarnung auf den Weg

Diese heimliche Reise war falsch, beängstigend und unverzeihlich.

66 Leser 6 Seiten ~3 Min.

Der Mann fuhr zu seinen „kranken“ Eltern, und ich beschloss, ihn zu überraschen — ich machte mich ohne Vorwarnung auf den Weg …

Jeden Morgen wurde Marie vom leisen Trommeln der Regentropfen auf dem Fensterbrett geweckt. Hinter der Scheibe hingen schwere, graue Wolken, als hätte sich das Wetter eigens ihrer Stimmung angepasst: unruhig, bedrückt und voller undeutlicher Vorahnungen.

Seit drei Wochen ging das nun schon so. Ihr Mann Lukas hatte damals seine Sporttasche hervorgeholt, ein paar Sachen hineingeworfen und erklärt:

— Meinen Eltern geht es nicht gut. Ich fahre für ein paar Tage zu ihnen.

Beim ersten Mal hatte Marie dafür noch vollkommenes Verständnis gehabt. Christina, ihre Schwiegermutter, war erst vor Kurzem an der Gallenblase operiert worden. Und Georg, ihr Schwiegervater, klagte schon länger über hohen Blutdruck. Mit fünfundsechzig konnte der Körper nun einmal anfangen, einen im Stich zu lassen.

— Natürlich, fahr hin — sagte Marie. — Grüß sie von mir. Und sag ihnen, dass ich mir auch Sorgen mache.

Lukas brach am Freitagabend auf und kam am Montagmorgen zurück. Er wirkte erschöpft und verschlossen, fast so, als sei er von einem langen Dienst heimgekehrt. Auf ihre Fragen nach dem Zustand seiner Eltern antwortete er nur knapp:

— Es geht ihnen besser. Aber sie sind noch schwach.

— Was genau hat deine Mutter denn? — fragte Marie vorsichtig nach.

— Alles Mögliche. Das Alter eben — erwiderte er und machte eine wegwerfende Handbewegung.

Eine Woche später wiederholte sich die Geschichte.

— Schon wieder schlechter? — wunderte sich Marie.

— Mama ist gestürzt und hat sich wehgetan. Papa ist völlig nervös. Ich muss hin — erklärte Lukas, während er frische Hemden in die Tasche legte.

— Vielleicht komme ich mit? Ich könnte doch irgendwie helfen.

— Nein, das ist nicht nötig. Dort ist es ohnehin eng genug. Bleib du lieber zu Hause.

Marie widersprach nicht. Zu den Eltern ihres Mannes hatte sie immer eine gewisse Distanz gewahrt. Sie drängte sich nicht auf, mischte sich nicht ein und erteilte keine Ratschläge. Christina war eine zurückhaltende Frau, korrekt, aber nicht besonders herzlich. Sie begegneten einander höflich, doch eine wirkliche Nähe war zwischen ihnen nie entstanden.

Beim dritten Mal fiel Lukas’ Abreise erneut auf das Wochenende.

— Was ist denn jetzt wieder passiert? — fragte Marie und beobachtete, wie er Jeans und einen Pullover in die Sporttasche stopfte.

— Papa ging es richtig schlecht. Sein Blutdruck springt hin und her. Mama schafft das allein nicht.

— Habt ihr keinen Arzt gerufen?

— Doch. Aber du weißt doch, wie Hausärzte heutzutage sind. Er hat ein paar Tabletten aufgeschrieben und war wieder weg.

Lukas sprach ruhig, beinahe überzeugend. Und doch war da etwas in seiner Stimme, das Marie misstrauisch machte. Der Ton klang zu glatt, zu vorbereitet, ohne echtes Zittern, ohne jene Sorge, die man erwarten würde, wenn die eigenen Eltern krank waren.

Tippe auf Weiter, um fortzufahren