— Lukas, wäre es dann nicht besser, sie ins Krankenhaus zu bringen? Wenn es wirklich so ernst ist?

— Sie wollen nicht. Sie haben Angst vor Krankenhäusern. Sie sagen, zu Hause seien sie ruhiger.

Er zog den Reißverschluss der Tasche zu und küsste Marie flüchtig auf die Wange.

— Langweile dich nicht. Ich versuche, schnell fertig zu werden.

Nachdem Lukas gegangen war, blieb Marie allein mit einer Unruhe zurück, die von Stunde zu Stunde wuchs. Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie zuletzt mit ihrer Schwiegermutter telefoniert hatte. Ungefähr vor einem Monat. Christina hatte angerufen, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren.

Damals hatte sie munter geklungen. Sie hatte sich nach Maries Arbeit erkundigt, von Angelegenheiten rund um das Wochenendhaus erzählt und kein einziges Wort über Beschwerden verloren. Im Gegenteil: Christina hatte stolz von ihrer Tomatenernte gesprochen und davon, was sie für den Winter alles vorhatte.

— Seltsam — murmelte Marie, während sie am Fenster stand und in den herbstlichen Regen hinaussah. — Wenn es ihr so schlecht geht, warum ruft sie dann nicht an? Früher hat sie immer Bescheid gesagt, wenn sie krank war.

Am Montag kam Lukas noch düsterer nach Hause als sonst.

— Wie geht es deinen Eltern? — fragte Marie.

— Papa besser. Mama ist noch schwach.

— Und was hat der Arzt gesagt?

— Welcher Arzt? — Lukas sah sie verständnislos an.

— Na, der Hausarzt. Du hast doch gesagt, ihr hättet ihn gerufen.

— Ach so, ja. Er meinte, wir sollen beobachten. Wenn es schlimmer wird, dann Krankenhaus.

Lukas zog sich rasch um und setzte sich an den Computer. Seine Haltung machte deutlich, dass er das Gespräch für beendet hielt.

Am Abend, als ihr Mann unter der Dusche stand, nahm Marie sein Handy in die Hand. Noch nie hatte sie seine Nachrichten oder Anruflisten kontrolliert, doch diesmal war der Drang stärker als ihre Gewohnheit.

Irgendetwas in ihr flüsterte jedoch, dass sie diesmal nachsehen musste.

In der Anrufliste fand Marie keinen einzigen Kontakt zu seinen Eltern. Weder hatte Lukas dort angerufen, noch war von ihnen ein Anruf eingegangen. In den vergangenen zwei Wochen gab es keine Verbindung zu Christina oder Georg.

„Wie kann das sein?“, murmelte Marie. „Wenn Lukas wirklich bei ihnen ist, weshalb telefonieren sie dann nicht?“

Sonst meldeten sich seine Eltern doch immer wenigstens einmal bei ihr, sobald Lukas zu ihnen fuhr. Sie fragten, ob zu Hause alles in Ordnung sei, ob sie ihrem Sohn etwas ausrichten oder mitgeben sollten. Dieses Mal aber herrschte völlige Stille.

Die vierte Fahrt kündigte Lukas am darauffolgenden Freitag an.

„Wieder zu deinen Eltern?“, fragte Marie und bemühte sich, ruhig zu klingen.

„Ja. Mama hat Fieber. Ich fürchte, sie hat sich erkältet.“

„Lukas, vielleicht komme ich doch mit? Ich könnte euch helfen. Einkaufen, kochen, irgendetwas.“

„Wozu sollst du dir noch zusätzliche Sorgen aufladen?“, entgegnete er schärfer, als nötig gewesen wäre. „Du hast selbst genug Arbeit.“

„Das macht mir nichts aus. Es sind schließlich deine Eltern. Also gehören sie auch zu meiner Familie.“