„Marie, wirklich nicht. Dort ist ohnehin wenig Platz. Und am Ende steckst du dich auch noch an.“
Seine Worte klangen vernünftig, fast überzeugend. Nur sein Blick passte nicht dazu. Er wich ihren Augen aus, während er hastig Hemden, Ladegerät und Waschzeug in seine Tasche stopfte, als müsse er in letzter Sekunde noch einen Zug erreichen.
„Mit welchem Zug fährst du?“, fragte sie.
„Mit dem normalen. Um sieben.“
„Soll ich dich zum Bahnhof bringen?“
„Nein, nicht nötig. Ich komme schon allein hin.“
Er küsste sie flüchtig auf die Wange, nahm seine Tasche und war kurz darauf verschwunden. Marie blieb in der Wohnung zurück, umgeben von unausgesprochenen Fragen und einer Reihe merkwürdiger Zufälle, die sich nicht mehr einfach beiseiteschieben ließen.
Den Samstagvormittag verbrachte sie in unruhigem Grübeln. Ihre Gedanken verknoteten sich immer wieder, fanden keinen klaren Anfang und kein Ende. Einerseits war es unfair, den eigenen Mann ohne Beweise der Lüge zu verdächtigen. Andererseits hatten sich im letzten Monat zu viele kleine Unstimmigkeiten angesammelt.
„Bin ich jetzt wirklich so eine misstrauische Ehefrau?“, warf sie sich vor. „Vielleicht sind seine Eltern tatsächlich krank, und ich mache aus nichts ein Drama.“
Gegen Mittag fasste sie schließlich einen Entschluss. Wenn Christina und Georg wirklich angeschlagen waren, würden sie sich bestimmt über Fürsorge freuen. Sie würde etwas backen, Obst kaufen, ein kleines Paket zusammenstellen und einfach vorbeifahren.
„Ich überrasche sie“, sagte sie leise zu sich selbst. „Und Lukas gleich mit.“
Kurz darauf herrschte in der Küche ein angenehmes Durcheinander. Marie knetete den Teig für einen Kuchen nach dem alten Lieblingsrezept ihrer Mutter. Während der Kuchen im Ofen langsam goldbraun wurde und der süße Duft durch die Wohnung zog, ging sie schnell in den Supermarkt, kaufte Orangen, Bananen und Saft.
Um drei Uhr war alles bereit. Der duftende Kuchen kühlte auf dem Tisch aus, die Tüte mit Obst stand neben der Wohnungstür. Marie zog ein hübsches Kleid an, legte ein wenig Make-up auf und machte sich auf den Weg zum Bahnhof.
Im Zug ertappte sie sich dabei, wie sie lächelte. Sie stellte sich vor, wie Lukas die Tür öffnen würde: erst überrascht, dann verlegen, vielleicht ein wenig beschämt, aber schließlich doch froh.
„Marie? Wo kommst du denn her?“, würde er fragen.
„Ich wollte nach euch sehen“, würde sie antworten. „Und schauen, wie es deinen Eltern geht.“
Die Fahrt dauerte anderthalb Stunden. Christina und Georg lebten in einer kleinen Stadt unweit von Hamburg, in einem zweistöckigen Haus mit Garten. Lukas war dort aufgewachsen, kannte jeden Winkel, jeden knarrenden Tritt der Treppe und jeden Baum hinter dem Zaun.
Marie trat an das vertraute Gartentor und drückte auf die Klingel. Nach einer Minute öffnete sich die Haustür, und ihre Schwiegermutter erschien.
„Marie?“, fragte Christina verblüfft. „Was machst du denn hier?“
Sie sah blendend aus. Ihre Wangen hatten Farbe, ihre Augen waren klar, von Krankheit keine Spur. Sie trug einen bequemen Hausanzug, das Haar ordentlich zu einem Zopf gebunden.