„Guten Tag, Christina“, sagte Marie verlegen und hob die Tüten ein wenig an. „Ich wollte Sie besuchen. Lukas sagte, Sie seien krank.“

„Krank?“ Christina lachte auf, ehrlich verwundert. „Was denn für krank? Uns geht es ausgezeichnet! Wer hat dir denn so etwas erzählt?“

Marie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, und die Taschen in ihren Händen wurden ihr auf einmal unerträglich schwer.

„Aber Lukas …“ Marie brachte die Worte kaum heraus. „Er hat gesagt, er kümmere sich um Sie. Weil es Ihnen beiden schlecht gehe.“

„Er kümmert sich um uns?“ Christina schüttelte fassungslos den Kopf. „Marie, mein Kind, wir haben unseren Sohn seit mindestens einer Woche nicht gesehen. Vielleicht sogar noch länger.“

Aus dem hinteren Teil des Hauses drang eine Männerstimme.

„Christina, wer ist denn da?“

„Marie ist gekommen!“, rief sie zurück.

Kurz darauf erschien Georg im Flur. Er war ein kräftiger Mann um die siebzig, mit grauem Haar, in Arbeitshose und kariertem Hemd. Offenbar hatte er gerade in seiner kleinen Werkstatt herumgewerkelt.

„Ach, unsere Schwiegertochter!“ Sein Gesicht hellte sich auf. „Was für eine Überraschung. Du lässt dich ja selten bei uns blicken.“

Marie sah ihn direkt an. „Georg, wissen Sie, wo Lukas ist?“

Der Schwiegervater hob ratlos die Schultern. „Woher soll ich das wissen? Vielleicht bei der Arbeit. Oder bei euch zu Hause.“

„Er sagte, er fahre zu Ihnen. Sie seien krank und bräuchten Hilfe.“

Christina und Georg wechselten einen langen, verwirrten Blick.

„Marie, wir sind nicht krank“, sagte Christina langsam. „Und Lukas war schon ewig nicht mehr hier. Wann war er das letzte Mal da, Georg?“

„Im Juli“, überlegte Christina dann selbst, bevor ihr Mann antworten konnte. „Zum Geburtstag deines Vaters. Da ist er vorbeigekommen.“

„Genau“, bestätigte Georg. „Seitdem hat er sich nicht einmal telefonisch gemeldet.“

In Marie riss etwas. Alles, was Lukas ihr in den vergangenen Wochen erzählt hatte, jede angebliche Fahrt zu seinen kranken Eltern, jedes bedrückte Gesicht, jede Bitte um Verständnis — es war gelogen gewesen. Nicht halb, nicht aus Versehen, sondern klar und bewusst.

„Marie, was ist los?“ Christina trat näher. Ihre Stimme klang besorgt. „Du bist ja ganz blass. Komm erst einmal rein, wir machen Tee.“

„Danke, aber ich muss wieder los“, murmelte Marie.

„Wie, du musst los? Du bist doch gerade erst angekommen. Und du hast sogar Kuchen mitgebracht, das sehe ich doch“, widersprach Christina und versuchte, sie aufzuhalten.

„Ein anderes Mal.“ Marie drückte ihr die Tüten in die Hände. „Das ist für Sie. Bitte, nehmen Sie es.“

Georg runzelte die Stirn. „Und Lukas? Warum ist er nicht mit dir gekommen?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Marie ehrlich.

Die beiden begleiteten sie bis zum Gartentor. Dabei sahen sie einander immer wieder unsicher an, als hätten sie selbst noch nicht begriffen, was diese merkwürdige Szene bedeutete. Marie ging zur Bushaltestelle, ohne ihre Beine richtig zu spüren.

In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Wo hatte Lukas all diese Wochenenden verbracht? Mit wem? Weshalb hatte er ausgerechnet seine Eltern als Vorwand benutzt? Und vor allem: Seit wann lief diese Lüge schon?