„Das ist ja ein Hammer“, sagte Sophie und stieß einen leisen Pfiff aus, nachdem Emilia ihr alles erzählt hatte. „Und was willst du jetzt machen?“

Sie saßen in Sophies Küche, vor sich zwei Tassen Tee mit Zitrone. Emilia starrte in ihre Tasse, als könne zwischen den dünnen Zitronenscheiben eine Antwort treiben.

„Ich weiß es nicht“, gestand sie ehrlich. „Einerseits verstehe ich Sebastian. Eltern bleiben Eltern. Aber andererseits… wie soll ich mit seiner Mutter zusammenleben? Sie lässt mich jetzt schon bei jeder Gelegenheit spüren, dass ich für ihren Sohn nicht gut genug bin. Und dann sehe ich sie jeden Tag. Morgens, abends, ständig. Wir würden uns Bad und Küche teilen.“

„Und was ist mit eurer Privatsphäre?“, fragte Sophie Kraus und zog vielsagend die Augenbrauen hoch. „Ihr seid doch praktisch noch frisch verheiratet. Ganz ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll… na ja, du weißt schon. Wenn gleich hinter der Wand die Eltern sitzen.“

Emilia Lehmann stieß einen gequälten Laut aus und presste beide Hände vor ihr Gesicht.

„Daran habe ich noch gar nicht gedacht“, murmelte sie entsetzt. „Mein Gott. Das wird ja immer schlimmer.“

„Vielleicht gibt es trotzdem irgendeinen Ausweg“, überlegte Sophie und schenkte ihr noch etwas Tee nach. „Ihr könntet seinen Eltern doch eine kleine Wohnung mieten. Muss ja nichts Großes sein, ein Einzimmerapartment irgendwo am Stadtrand. Das wäre auf Dauer wahrscheinlich günstiger als eine Scheidung.“

Emilia seufzte schwer.

„Sebastian sagt, dafür sei kein Geld da. Und leider hat er damit nicht ganz unrecht. Nach der Renovierung sind wir praktisch blank. Außerdem läuft noch der Kredit fürs Auto.“

„Dann sprich direkt mit seinen Eltern“, schlug Sophie vor. „Nicht über Sebastian, sondern mit ihnen selbst. Erklär ihnen, dass eine junge Ehe ihren eigenen Raum braucht. Vielleicht begreifen sie es ja, wenn du ruhig bleibst.“

Ein bitteres Lächeln huschte über Emilias Gesicht.

„Du kennst Andrea Friedrich nicht“, sagte sie leise. „Für sie gehört Sebastian immer noch ihr allein. In ihren Augen kann niemand ihn so lieben wie sie. Und eine Schwiegertochter ist für sie nur die fremde Frau, die ihr den geliebten Sohn weggenommen hat.“

Sophie nickte langsam.

„Klingt kompliziert. Aber versuchen solltest du es trotzdem. Immerhin geht es um deine Ehe.“

Emilia blieb in dieser Nacht bei Sophie. Ihr Handy schaltete sie aus. Sie war nicht bereit, mit Sebastian zu reden, nicht jetzt. Zuerst musste sie wieder klar denken, ihre Gedanken ordnen und begreifen, welche Entscheidung überhaupt noch möglich war.

Am nächsten Morgen nahm sie all ihren Mut zusammen und fuhr nach Hause. Sebastian war bereits zur Arbeit gegangen. In der Küche hantierte seine Mutter am Herd und bereitete Frühstück zu. Als Andrea Friedrich ihre Schwiegertochter sah, zog sich ihr Mund zu einem schmalen Strich zusammen.

„Da bist du ja endlich. Dein Mann hat die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Er hat sich Sorgen gemacht.“

Emilia überging den Vorwurf.

„Guten Morgen, Andrea Friedrich. Ist Raphael Stein nicht da?“