„Er ist kurz einkaufen gegangen“, antwortete die ältere Frau, ohne aufzusehen, während sie im Topf rührte. „Setz dich. Ich mache dir etwas zu essen. Du wirst ja Hunger haben.“
Emilia wollte zunächst ablehnen. Dann entschied sie, dass ein gemeinsames Frühstück vielleicht ein besserer Anfang für das Gespräch war als eine neue Auseinandersetzung. Also setzte sie sich an den Tisch.
„Danke. Ja, ich esse gern etwas.“
Andrea stellte ihr eine Schüssel Haferbrei hin.
„Iss, solange er warm ist. Meinen Sebastian habe ich früher immer so gefüttert. Seit er klein war, mochte er Haferbrei mit Butter und Rosinen.“
„Ich weiß“, erwiderte Emilia und nickte. „Am Wochenende mache ich ihm oft genau den.“
„Na, immerhin“, sagte ihre Schwiegermutter zustimmend. „Dann hast du deinen Mann wegen deiner Arbeit also doch nicht völlig vergessen.“
Emilia spürte, wie der Ärger wieder in ihr hochstieg. Sie schluckte ihn hinunter. Jetzt war nicht der richtige Moment, sich provozieren zu lassen.
„Andrea Friedrich, wir müssen reden“, begann sie und schob die Schüssel ein Stück von sich weg. „Über die Situation, in der wir gerade stecken.“
Die ältere Frau setzte sich ihr gegenüber.
„Dann reden wir eben. Wobei ich nicht sehe, was es da groß zu besprechen gibt. Mein Sohn hat beschlossen, seinen Eltern zu helfen. Das ist doch selbstverständlich.“
„Ich verstehe, dass Sie in Schwierigkeiten geraten sind“, sagte Emilia vorsichtig. „Und ich will helfen. Sebastian und ich sind eine Familie, deshalb betreffen Ihre Probleme auch uns.“
„Gut“, erwiderte Andrea sofort. „Dann ist ja alles geklärt.“
„Nicht ganz.“ Emilia atmete tief ein. „Unsere Wohnung ist für vier Erwachsene zu klein. Das kann höchstens eine vorübergehende Lösung sein. Wir müssen nach einer anderen Möglichkeit suchen.“
„Zum Beispiel?“, fragte ihre Schwiegermutter und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Vielleicht könnten wir in der Nähe eine kleine Wohnung für Sie mieten“, schlug Emilia vor. „Sebastian und ich würden finanziell beitragen, so gut wir können. Oder… vielleicht hat Sebastian Rücklagen, von denen ich nichts weiß?“
„Er hat keinerlei Rücklagen“, antwortete Andrea Friedrich scharf. „Alles ist in eure Renovierung geflossen. In diese italienischen Fliesen, die du unbedingt haben wolltest. Und in die teuren Einbauschränke mit Schiebetüren.“
„Wir beide wollten die Wohnung ordentlich herrichten“, entgegnete Emilia so ruhig wie möglich. „Und ich bin Ihnen für Ihre Hilfe dankbar. Aber das bedeutet nicht, dass…“
„Dass wir uns damit das Recht erkauft hätten, bei euch zu wohnen?“, fiel Andrea ihr ins Wort. „Keine Sorge, meine Liebe, ich weiß sehr genau, dass wir dir zur Last fallen. Aber Sebastian ist mein Sohn. Und er würde uns niemals in einer Notlage alleinlassen.“
Emilia hob beschwichtigend die Hand.
„Ich verlange ja gar nicht, dass er Sie im Stich lässt.“
„Ich möchte nur, dass wir gemeinsam einen Ausweg finden, mit dem alle leben können“, sagte Emilia behutsam. „Sebastian hat mich vor die Wahl gestellt: Entweder Sie ziehen dauerhaft bei uns ein, oder er lässt sich scheiden. Das ist nicht fair. Über so etwas entscheidet man nicht im Alleingang. Das bespricht man miteinander — als Familie.“