Andrea Friedrich musterte ihre Schwiegertochter lange und aufmerksam. Dann seufzte sie leise.

„Weißt du, Emilia“, begann sie langsamer als zuvor, „ich habe dich nie für die ideale Frau an der Seite meines Sohnes gehalten. Du bist sehr eigenständig, hast deinen Beruf, deine eigenen Pläne. Manchmal kam es mir so vor, als wäre in deinem Leben kaum Platz für anderes.“ Sie machte eine kurze Pause. „Aber ich sehe, dass du ihn liebst. Und Sebastian liebt dich ebenfalls, auch wenn er sich bisweilen aufführt wie ein störrischer Junge.“

Emilia blinzelte überrascht. Ausgerechnet von Andrea hatte sie solche Worte nicht erwartet.

„Ich werde mit ihm reden“, fuhr Andrea fort. „Es wird keine Drohungen mehr geben, keine Erpressungen, keine Entscheidungen über deinen Kopf hinweg. Wir suchen zusammen nach einer Lösung. Vielleicht mieten Raphael und ich wirklich etwas Kleines in der Nähe. Er ist zwar Rentner, verdient sich aber noch etwas dazu. Und ich kann mir ebenfalls Arbeit suchen. Irgendwie bekommen wir das geregelt.“

„Danke“, sagte Emilia leise. Mit einem Mal fühlte es sich an, als hätte sich ein schwerer Stein von ihrer Brust gelöst. „Ich möchte ja auch helfen. Schließlich gehören wir zusammen.“

Als Sebastian am Abend von der Arbeit kam, fand er seine Frau und seine Eltern nicht im Streit vor, sondern gemeinsam am Esstisch. Sie aßen ruhig zu Abend, als wäre der Tag nie eskaliert. Verwundert hob er die Augenbrauen, zog seine Jacke aus und setzte sich zögernd dazu.

Andrea legte die Gabel beiseite und sah ihren Sohn streng, aber nicht feindselig an.

„Sebastian, wir haben miteinander gesprochen“, erklärte sie. „Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass vier Erwachsene in einer Wohnung auf Dauer keine gute Idee sind. Dein Vater und ich suchen uns etwas Bezahlbares hier in der Gegend. Ihr unterstützt uns, soweit ihr könnt.“

Sebastian blickte erst seine Mutter an, dann Emilia. In seinen Augen lag völlige Ratlosigkeit.

„Aber ich dachte…“

„Kein Aber“, unterbrach Andrea ihn entschieden. „Junge Eheleute brauchen ihren eigenen Raum. Und für uns ist es ebenfalls angenehmer, wenn wir nicht ständig Rücksicht auf euren Rhythmus nehmen müssen. Ihr seid jung, bei euch läuft mal Musik, dann kommen Freunde vorbei, dann ist wieder alles anders. Das ist nichts für unsere Nerven.“

Emilia konnte nicht anders, sie lächelte Andrea dankbar zu. Wer hätte gedacht, dass diese energische Frau so viel Verständnis zeigen konnte?

„Bis wir etwas gefunden haben, bleiben wir natürlich noch bei euch“, sagte Andrea weiter. „Aber nur vorübergehend. Zwei Wochen, höchstens. Und du, Sebastian, wirst deiner Frau künftig keine Ultimaten mehr stellen. Ich habe dich nicht großgezogen, damit du dich zu Hause wie ein kleiner Herrscher aufführst.“

Sebastian senkte beschämt den Blick.

„Es tut mir leid“, murmelte er. „Euch allen. Ich war einfach in Panik. Ich wusste nicht, was ich machen soll.“

„Dann hättest du reden müssen“, entgegnete seine Mutter in jenem Ton, mit dem sie ihn offenbar schon als Kind zurechtgewiesen hatte. „Familie bedeutet, dass man einander zuhört und den anderen ernst nimmt. Nicht, dass einer befiehlt und alle anderen gehorchen.“