Stefanie lächelte. Breit, beinahe herzlich. Nur ihre Augen blieben kalt.
— Eine Familie teilt, Julchen.
Die rote Mappe lag unverändert auf dem Tisch. Julia sah sie an und spürte, wie sich in ihr eine vertraute, eisige Feder zusammenzog. Diese Mappe hatte sie schon einmal gesehen. Vor einer Woche. In ihrem eigenen Flur.
— Daniel, schenk Michael ein, — kommandierte Stefanie.
Daniel griff gehorsam nach der Flasche.
— Für mich nicht, danke, — sagte der Notar und deckte sein Glas mit der Hand ab.
— Aber wir feiern doch! — Stefanie klang empört. — Heute haben wir sogar gleich zwei Anlässe.
— Welchen zweiten? — fragte Daniel.
— Das wirst du noch erfahren, — sagte sie und zwinkerte Lena zu.
Lena wurde rot und trank hastig einen Schluck Wasser. Julia schwieg. Die Feder in ihrem Inneren zog sich noch fester zusammen.
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Das Sammeln fremder Schlüssel
— Gib mir einen Ersatzschlüssel, — hatte Stefanie einen Monat zuvor gesagt, als sie in Julias Flur stand.
— Wozu? — Julia hielt bereits ihre Tasche in der Hand und war spät dran für die Arbeit.
— In der Siedlung gibt es ständig Probleme mit den Leitungen, — erklärte die Schwiegermutter schnell und mit einer Selbstsicherheit, die keinen Widerspruch vorsah. — Der Notdienst kommt nie rechtzeitig. Und dein Haus steht dort leer.
— Dort ist alles abgedreht.
— Und wenn doch etwas platzt? — Stefanie verschränkte die Arme vor der Brust. — Ich schaue nur nach dem Rechten. Einmal pro Woche, mehr nicht.
Julia war damals erschöpft gewesen. Ein schwieriges Projekt, Unterlagen fürs Grundbuchamt, zu wenig Schlaf.
— Nehmen Sie sie, — sagte sie schließlich und hakte den Schlüsselbund vom Brett.
— Na also, vernünftiges Mädchen, — Stefanie ließ die Schlüssel sofort in ihrer Tasche verschwinden.
Es war ein Fehler gewesen. Julia wusste es schon in dem Moment. Doch für einen Streit fehlte ihr die Kraft. Sie gab die Schlüssel zu ihrem kleinen Ferienhaus heraus, nur um sich ein bisschen Ruhe zu erkaufen.
Eine Woche später begannen die Anrufe.
— Julia, warum ist denn im Gewächshaus das Polycarbonat eingedrückt? — fragte Stefanie am Telefon in einem vorwurfsvollen Ton.
— Im Winter lag Schnee darauf.
— Dann hätte man ihn eben entfernen müssen! — empörte sich Stefanie. — Ich habe sogar die Nachbarin eingeschaltet.
ich habe ihr fünf Euro überwiesen, damit sie den Müll wegräumt.
— Ich habe niemanden darum gebeten.
— Und wer soll sich sonst kümmern? Ich bin die Mutter, ich denke an die Familie.
Danach kam die Sache mit den Rechnungen.
Stefanie erschien wieder einmal unangemeldet und wedelte schon im Flur mit einem Papier.
— Ich habe den Gebührenbescheid aus eurem Briefkasten genommen. Für die Müllabfuhr ist etwas offen. Drei Euro im Monat.
— Ich zahle das über die App, — sagte Julia und zwang sich, ruhig zu atmen. — Einmal im Quartal.
— So etwas macht man monatlich! — Stefanie legte den Zettel demonstrativ auf den Küchentisch. — Ich habe es bereits erledigt. Im Bürgerbüro war eine schreckliche Schlange, aber ich habe gewartet.