— Warum gehen Sie wegen der Müllgebühr extra ins Bürgerbüro?

— Damit hier endlich Ordnung herrscht!

Damals schwieg Julia. Daniel saß am Küchentisch und las Nachrichten auf seinem Handy.

— Mama, hast du wirklich nichts Besseres zu tun? — murmelte er.

— Doch, genug! — Stefanie wandte sich sofort ihrem Sohn zu. — Euer Haus verkommt, Julia. Ein Haus muss bewohnt werden, es muss atmen. Du bist ständig bei der Arbeit, und das Grundstück steht leer. Erde ist dazu da, der Familie zu dienen, nicht unter Unkraut zu verschwinden.

Seltsamerweise klang dieser Satz beinahe vernünftig. Julia fuhr tatsächlich kaum noch hinaus. Vor drei Jahren hatte sie das Ferienhaus nach dem Tod ihres Vaters geerbt. Es war solide gebaut, und das Grundstück war groß — tausend Quadratmeter.

— Im Sommer fahre ich hin, — sagte Julia.

— Im Sommer! — Stefanie schlug die Hände zusammen. — Dann ist es viel zu spät. Lena und ich fahren dieses Wochenende. Wir eröffnen die Saison.

— Das ist mein Haus, Stefanie.

— Wir gehören doch zur Familie, — erwiderte die Schwiegermutter mit einem Lächeln, das erneut leer und glatt wirkte. — Niemand nimmt dir etwas weg. Wir wischen nur ein bisschen Staub.

Julia fuhr nicht hinterher, um nachzusehen. Es war ihr nächster Fehler.

Vor zwei Wochen rief Lena sie abends an.

— Julia, sag mal, wo liegt bei euch dort die Bettwäsche? — fragte ihre Schwägerin, und in ihrer Stimme lag ein leiser schuldbewusster Unterton.

— Welche Bettwäsche?

— Na, im Schlafzimmer. Mama und ich sind hergekommen. Es ist ziemlich kalt, wir haben den Heizlüfter eingeschaltet.

— In der Kommode, — antwortete Julia. Gleichzeitig breitete sich in ihr eine eisige Schwere aus.

— Danke. Mama sortiert hier gerade Sachen im Schrank aus.

— Was für Sachen?

— Die von deinem Vater.

Julia beendete das Gespräch ohne ein weiteres Wort. Innerhalb von fünf Minuten hatte sie sich angezogen, ein Taxi gerufen und war aus der Stadt hinausgefahren. Die Fahrt kostete sie sechs Euro.

Als sie die Tür mit ihrem eigenen Schlüssel öffnete, stand Stefanie mitten im Zimmer und hielt einen schwarzen Müllsack in der Hand.

— Was tun Sie da? — Julia schrie nicht. Ihre Stimme war so leise, dass sie ihr selbst fremd vorkam.

— Ich schaffe den alten Kram raus, — sagte Stefanie, ohne auch nur zusammenzuzucken. — Hier bekommt man ja keine Luft.

— Das sind die Sachen meines Vaters.

— Er ist tot, Julia. Die Lebenden brauchen Platz.

— Stellen Sie den Sack hin.

Stefanie sah sie an. Prüfend. Kühl.

— Du bist egoistisch, Julia.

— Stellen Sie den Sack hin.

Die Schwiegermutter ließ das schwarze Plastik auf den Boden fallen.

— Lena hat keinen eigenen Winkel, keinen vernünftigen Mann, — sagte Stefanie plötzlich sehr leise. — Ich bin ihre Mutter. Solange ich lebe, muss ich dafür sorgen, dass meine Tochter abgesichert ist. Du hast es leicht, du hast deinen Beruf. Sie dagegen hangelt sich von einer Mietwohnung zur nächsten.

In diesen Worten steckte echter Schmerz. Schwerer, bitterer Schmerz einer alt werdenden Mutter, die um ihre gescheiterte Tochter bangte. Julia hörte ihn. Vielleicht war genau das der Grund, warum sie die beiden an jenem Abend nicht hinauswarf. Sie erlaubte ihnen, über Nacht zu bleiben.