Am nächsten Morgen fuhr sie mit der Regionalbahn zurück. Und das war ihr dritter Fehler.
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Die Spur aus Papier
Einige Tage vergingen. Dann kam Julia früher als sonst von der Arbeit nach Hause.
Im Flur hing der Geruch eines fremden Parfüms.
— Daniel? — rief sie.
Keine Antwort. Ihr Mann war noch im Dienst.
Julia ging in die Küche. Auf dem Tisch lag eine rote Kunststoffmappe. Sie hatte dieses Ding noch nie zuvor in ihrer Wohnung gesehen. Die Mappe war dick, mit weißen Bändern zusammengebunden, wie man sie aus alten Registraturen kannte.
Langsam trat Julia näher. Die Bänder waren gelöst. Darin lag eine alte Hausakte mit technischen Unterlagen. Ihre Unterlagen. Genau die Papiere, die ihr Vater noch in den Neunzigern hatte anlegen lassen.
— Wo kommt das her? — sagte Julia laut in die leere Wohnung hinein.
Sie begann, die Blätter durchzusehen. Eine alte Meldebescheinigung. Eine Kopie der Sterbeurkunde ihres Vaters. Ein handgezeichneter Lageplan des Grundstücks.
All das hatte im unteren Fach des Schreibtisches in ihrem Arbeitszimmer gelegen.
Da klickte das Schloss der Wohnungstür. Julia blieb am Tisch stehen.
Stefanie kam in die Küche. In der Hand trug sie eine Einkaufstüte von Rewe.
— Oh, — sagte die Schwiegermutter und blieb wie angewurzelt stehen. — Du bist aber früh zurück.
— Was ist das? — Julia deutete auf die Mappe.
— Unterlagen, — erwiderte Stefanie.
Stefanie stellte die Tüte hastig auf den nächsten Stuhl.
— Ich wollte nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist.
— Sie haben in meinem Schreibtisch gewühlt?
— Ich habe die Stromrechnung gesucht! — Sofort ging die Schwiegermutter zum Gegenangriff über. — Bei euch findet man ja überhaupt nichts!
— Geben Sie mir die Wohnungsschlüssel.
— Julia, jetzt vergisst du dich aber.
— Die Schlüssel.
Stefanie presste die Lippen zusammen. Dann griff sie langsam in ihre Handtasche, zog einen Schlüsselbund heraus und warf ihn auf den Tisch. Das Metall schlug klirrend auf den Kunststoff der roten Mappe.
— Ich habe es nur gut gemeint, — stieß sie zwischen den Zähnen hervor.
Sie drehte sich um und verließ die Küche. Einen Moment später fiel die Wohnungstür ins Schloss.
Julia blieb vor der Mappe stehen. Schließlich sammelte sie die alten Dokumente zusammen und legte sie wieder in die Schublade zurück. Die rote Mappe jedoch hatte Stefanie liegen lassen.
Am Abend öffnete Julia ihren Arbeitslaptop. Als Vermessungsingenieurin hatte sie Zugriff auf die entsprechenden Fachdatenbanken. Sie tippte die alte Flurstücksnummer ein, die auf den Papieren aus der Schreibtischschublade gestanden hatte.
Das System zeigte an: Objekt aus dem Bestand gelöscht. Grenzen aufgehoben.
Julia atmete langsam aus.
Vor drei Jahren hatte sie die Vermessung selbst durchgeführt. Damals hatte sie die Grenzen des Grundstücks neu festlegen lassen und es mit einem angrenzenden, verwilderten Stück Land zusammengeführt, das sie der Gemeinde abgekauft hatte. Die frühere Bezeichnung „Flurstück 42“ war damit verschwunden. Stattdessen gab es nun eine neue Anschrift: Waldstraße 7.