Die alten Unterlagen des Bauamts waren nichts weiter als wertloses Papier.
Julia klappte den Laptop zu. Sie wusste nicht, wozu Stefanie den veralteten technischen Lageplan gebraucht hatte. Aber eines wusste sie genau: Ihre Schwiegermutter tat niemals etwas ohne Grund.
— Mama hat angerufen, — sagte Daniel beim Abendessen. — Sie ist gekränkt. Sie sagt, du hättest sie rausgeworfen.
— Sie hat meine Unterlagen durchsucht.
— Sie ist eben alt. Sie macht sich Sorgen wegen des Erbes.
— Das ist nicht ihr Erbe.
— Wir sind doch eine Familie, — seufzte ihr Mann.
Es waren die Worte seiner Mutter, nur durch seinen Mund ausgesprochen. Julia schwieg und spülte den Teller ab. Der Schwamm quietschte leise über das Porzellan.
Sie erinnerte sich daran, wie Stefanie sich immer mit ihren Beziehungen im Kataster- und Grundbuchamt gebrüstet hatte. „Ich bekomme jedes Papier über alte Bekannte geregelt, ganz ohne diesen modernen Online-Behördenkram“, pflegte sie zu sagen.
Julia trocknete sich die Hände an einem Küchentuch ab. Dann sah sie auf die rote Mappe, die sie immer noch nicht weggeworfen hatte.
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Ein Fehler im Register
Und nun lag genau diese rote Mappe auf dem festlich gedeckten Tisch. Zwischen Kartoffelsalat und Aufschnittplatten.
— Lena, — begann Stefanie und erhob sich. In der Hand hielt sie ein Glas Fruchtsaft. — Du hast in letzter Zeit genug durchmachen müssen. Aber deine Mutter lässt dich nicht im Stich.
Am Tisch wurde es still. Daniel hörte auf zu kauen. Der Notar Michael legte höflich seine Gabel beiseite.
— Ich habe lange darüber nachgedacht, — fuhr Stefanie fort, und ihre Stimme bebte vor feierlichem Pathos. — Eine Familie muss zusammenhalten. Und Besitz sollte demjenigen nützen, der ihn am dringendsten braucht.
Sie legte ihre Hand auf die rote Mappe.
— Heute schenke ich dir das Haus.
Lena stieß erschrocken die Luft aus und hielt sich die Hand vor den Mund.
— Mama … meinst du das ernst?
— Vollkommen ernst, — sagte Stefanie und löste die weißen Bänder der Mappe. — Hier sind die Unterlagen. Ein Schenkungsvertrag.
Sie zog ein festes weißes Blatt heraus und reichte es ihrer Tochter.
Julia saß reglos da. In ihr war es vollkommen still geworden.
— Aber wie soll das gehen? — murmelte Daniel. — Das ist doch Julias Haus.
— Das ist das Haus unserer Familie! — schnitt Stefanie ihm das Wort ab. — Ich habe alles über meine alten Kontakte erledigt. Beim Bauamt und beim Grundbuchamt kenne ich noch Leute. Ich habe dieses Grundstück damals selbst mit erfassen lassen! Ich habe ein Recht darauf!
— Du bist nicht die Eigentümerin, Mama, — sagte Daniel leise.
— Ich bin die Mutter! Und ich weiß, wie man Dinge rechtlich in Ordnung bringt! — Stefanie warf Julia einen triumphierenden Blick zu. — Nimm es mir nicht übel, Julia. Aber du brauchst dieses Haus nicht. Das Mädchen hat keinen Ort, an dem sie bleiben kann.
Lena nahm das Blatt mit zitternden Händen entgegen. In ihren Augen standen Tränen.
— Meine Schwiegermutter hat mein Haus ihrer Tochter geschenkt, — sagte Julia ruhig, beinahe Silbe für Silbe.