— Ja, das habe ich, — erwiderte Stefanie und hob stolz das Kinn.

— Darf ich es sehen? — Julia streckte die Hand aus.

Lena sah unsicher zu ihrer Mutter.

— Gib es ihr ruhig, — erlaubte Stefanie. — Sie soll sich selbst überzeugen. Das ist alles offiziell. Mit Stempel.

Julia nahm das Papier.

Es war tatsächlich ein Schenkungsvertrag. Sauber ausgedruckt, auf gutem Papier. In der Zeile „Schenkerin“ stand Stefanie. In der Zeile „Beschenkte“ stand Lena.

Julias Blick glitt weiter nach unten, zum Abschnitt „Vertragsgegenstand“.

Sie las weiter, ohne ein Wort zu sagen. Im Zimmer war es so still, dass selbst der stumm geschaltete Fernseher wie ein Fremdkörper wirkte.

— Hier steht: Gemarkung Waldhain, Flur zwölf, Flurstück zweiundvierzig, — sagte Julia schließlich und hob den Blick. — Und als Lagebezeichnung: Grundstück zweiundvierzig.

— Genau, — bestätigte Stefanie sofort.

— Sie wusste nicht, dass in den aktuellen Unterlagen längst eine andere Adresse geführt wird, — sagte Julia. Doch ihre Worte galten nicht Stefanie. Sie richtete sie an den Notar.

Michael kniff die Augen leicht zusammen.

— Darf ich? — fragte er ruhig und nahm Julia das Blatt behutsam aus der Hand.

Er überflog die Zeilen, dann griff er in die Innentasche seines Sakkos, holte eine Brille hervor und setzte sie auf.

— Stefanie, — begann er, nun mit einer sachlichen, kühlen Stimme, wie man sie aus Amtszimmern kennt. — Auf welcher Grundlage haben Sie diesen Vertrag erstellen lassen?

— Auf dem technischen Bestandsblatt! Dem richtigen! Mit blauem Stempel!

Julia sah ihre Schwiegermutter unverwandt an.

— Diese Flurstücksbezeichnung existiert seit drei Jahren nicht mehr. Haus und Grundstück wurden zusammengeführt, die Grenzen neu festgestellt. Im Grundbuch läuft alles inzwischen unter Waldstraße sieben. Andere Nummer. Andere Koordinaten. Ein anderer Eintrag.

Stefanie erstarrte. Das selbstzufriedene Lächeln, das eben noch auf ihrem Gesicht gelegen hatte, rutschte langsam ab. Ihr ganzer Plan war schon beim ersten Schritt ins Leere gelaufen. Aus Sicherheit wurde Unsicherheit.

— Was redest du da? — fuhr es aus ihr heraus.

Michael legte den Vertrag auf den Tisch.

— Sie haben eine Schenkung über ein Objekt aufgesetzt, das rechtlich nicht mehr in dieser Form existiert. Dieser Vertrag hat damit keinen Wert. Juristisch ist das nichts weiter als bedrucktes Papier. Man kann nichts verschenken, was im Register nicht vorhanden ist. Und schon gar nichts, was einem nicht gehört.

— Ich habe das abgeklärt! — Stefanies Stimme kippte. — Greta aus dem Archiv hat mir alles bestätigt!

— Greta aus dem Archiv hat offenbar in eine alte Datenbank geschaut, die seit Jahren nicht mehr gepflegt wird, — sagte Julia und stand vom Tisch auf. — Sie hat Ihnen eine Auskunft über ein Phantom gegeben.

Lena blickte erst ihre Mutter an, dann das Papier.

— Mama? — fragte sie leise. — Wolltest du mir wirklich ein fremdes Haus schenken? Mit Unterlagen, die gar nicht stimmen?

— Die stimmen! — schrie Stefanie. — Da ist ein Stempel drauf!

Sie riss den Vertrag an sich. Ihre Finger zitterten, während sie die Zeilen wieder und wieder las, als könne sie allein durch ihren Willen erzwingen, dass die Worte auf dem Papier wahr wurden.