Dann wurde es still.
Stefanie sagte nichts mehr. Sie starrte auf die rote Mappe, als hätte gerade diese sie verraten.
— Warum hast du das getan? — fragte Daniel. Er sah aus, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.
Stefanie hob den Kopf. Ihr Blick blieb an Julia hängen. Darin lag nicht einmal mehr Wut. Nur noch die Verzweiflung eines Menschen, dem die Kontrolle entglitten war.
— Weil sie nicht dazugehört! — stieß sie hervor. — Sie ist eine Fremde. Aber ihr seid meine Familie. Ich wollte nur, dass wir etwas Eigenes haben.
— Sie haben etwas Eigenes, — erwiderte Julia ruhig. — Ihre Wohnung.
Sie ging zu ihrem Stuhl und nahm ihre Handtasche.
— Die Feier ist vorbei, — sagte sie und wandte sich an Daniel. — Kommst du mit?
Daniel saß noch immer da, beide Hände fest um die Tischkante gekrallt. Sein Blick wanderte zu seiner Mutter. Dann zu seiner Frau.
— Ich komme später nach, — murmelte er heiser.
Julia nickte. Auch das war eine Antwort.
— Julia, warten Sie, — sagte Michael und erhob sich ebenfalls. — Ich nehme Sie mit. Ich fahre ohnehin in Ihre Richtung.
Die Fahrt zurück in die Stadt dauerte eine Stunde. Michael lenkte den Wagen vorsichtig durch die Dunkelheit. Das Radio blieb aus.
— Ich bin eigentlich nur als Bekannter mitgekommen, — sagte er nach einer langen Weile. — Und dann saß ich plötzlich mitten in einer ziemlich schlechten Inszenierung.
— Es tut mir leid, — sagte Julia, den Blick auf die schwarze Fensterscheibe gerichtet.
— Ihnen muss gar nichts leidtun. Sie haben sich vollkommen korrekt verhalten.
Julia schwieg.
Vollkommen korrekt? Sie hatte zugelassen, dass Stefanie sich die Schlüssel nahm. Sie hatte geduldet, dass in ihren Unterlagen gewühlt wurde. Sie hatte zugesehen, wie ihr Schweigen als Schwäche ausgelegt wurde.
Als sie ihre Wohnung betrat, blieb das Licht aus.
Im Flur herrschte Ruhe. Kein Fernseher brummte. Keine Dielen knarrten unter Daniels schweren Schritten.
Julia ging in die Küche. Der Tisch war leer und sauber.
Sie nahm ihr Handy, öffnete das Online-Portal des Amtsgerichts und beantragte einen aktuellen elektronischen Grundbuchauszug. Zehn Minuten später erschien die PDF-Datei in ihrem Postfach.
Sie öffnete sie.
Eigentümerin: Julia Barys. Belastungen und Beschränkungen: keine Eintragung.
Ihr Name.
Nur ihrer.
Julia legte das Telefon auf den Tisch. Genau dorthin, wo zuvor die fremde rote Mappe gelegen hatte. Jetzt war dort nichts mehr.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich diese Leere richtig an.
Würde sie jemals wieder Menschen vertrauen können, die sich selbst Familie nannten?