— Oh, Garnelen! — rief sie und marschierte, ohne die Schuhe auszuziehen, direkt in die Küche. — Und ihr behauptet, ihr hättet kein Geld.
— Ich habe Geld, — erwiderte ich mit einem Lächeln. — Jonas befindet sich nur vorübergehend in einer kreativen Auszeit.
— Eben! — Sie ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen. — Du hast welches. Und die Mutter deines Mannes hat nur Bluthochdruck und ein altes Sofa. Apropos Sofa: Ich habe ein Eckmodell gesehen, „Bergamo“. Mit Massagefunktion … ach, also einfach nur mit Massage. Kostet lächerliche tausendfünfhundert Euro. Du könntest doch die Ratenzahlung auf deinen Namen nehmen. Dir genehmigen sie das bestimmt, du hast so ein ehrliches Gesicht.
Damals rettete ich mich mit einem Scherz und erklärte, mein Gesicht stehe bei der Bank wegen übertriebener Schönheit längst auf einer schwarzen Liste.
Doch Stefanie hatte für meinen Humor keinerlei Sinn. Sie zog sich zurück und lauerte fortan wie eine Kobra im Dillbeet.
Und heute kam es dann zum großen Finale.
„Du begreifst überhaupt nichts!“ Stefanie presste sich dramatisch die Hand an die Brust, ungefähr an die Stelle, an der normale Menschen ein Herz besitzen und sie offenbar einen Taschenrechner. „Die Inkassoleute rufen an! Ich habe einen Kredit aufgenommen. Einen ganz kleinen.“
„Wofür denn?“, fragte Jonas leise.
„Für den Kurs ‚Göttin des Überflusses: So öffnest du deinen Geldfluss‘“, platzte es aus ihr heraus. „Das ist eine Investition!“
Ich verschluckte mich an meinem Tee. Jonas vergrub das Gesicht in den Händen.
„Mama“, stöhnte er. „Du hast dreitausend Euro geliehen, damit dir jemand beibringt, wie man richtig… atmet?“
„Darum geht es nicht!“, schnitt sie ihm das Wort ab. „Entscheidend ist, dass der Geldfluss sich nicht geöffnet hat. Vermutlich sind meine Chakren verschlackt. Aber zahlen muss ich morgen. Louisa, du hast doch Geld auf dem Festgeldkonto liegen. Ich weiß das, Jonas hat es erzählt. Begleich du den Kredit, und ich gebe es dir später zurück… von meiner Rente…“
„Stefanie“, sagte ich und verschränkte die Arme. „Ich hätte da einen Gegenvorschlag. Sie verkaufen Ihr Wochenendgrundstück, auf dem außer Unkraut und Schuldgefühlen für Ihren Sohn nichts wächst, und begleichen damit Ihre Schulden.“
„Mein Grundstück?!“ Ihre Stimme kippte in ein Kreischen. „Das ist unser Familiennest! Dort hat sich schon mein Großvater bei Regen unter einem Klettenblatt versteckt! Wie kannst du so etwas überhaupt aussprechen? Du gefühlloser… Zwieback! Jonas, sag ihr doch etwas!“
Sie wandte sich an ihren Sohn, fest überzeugt, die gewohnte Rückendeckung zu bekommen. Schließlich war Jonas für sie immer so formbar gewesen wie weiche Knete. Nur hatte sie vergessen, dass Knete in der Kälte hart wird wie Stein. Und in unserer Küche herrschte gerade Frost.
„Mama“, begann Jonas. Seine Stimme zitterte kurz, wurde dann aber fester. „Louisa hat recht. Wir bezahlen deine ‚Göttin‘ nicht.“
„Was?“ Sie blinzelte fassungslos, und von ihren Wimpern rieselte billige Mascara. „Du verrätst deine eigene Mutter wegen dieser… Büro-Ratte?“