„Diese ‚Ratte‘ ernährt deinen Sohn und kommt für diese Wohnung auf“, erwiderte ich ruhig. „Und nebenbei bemerkt: Ratten sind äußerst kluge Tiere. Im Unterschied zu Ihnen laufen sie nicht zweimal in dieselbe Falle.“

Stefanie sprang auf. Der Stuhl schrammte laut über den Boden und kippte beinahe um.

Dann stürmte sie in den Flur und schlug die Tür so heftig zu, dass mein Hut von der Garderobe fiel.

„Entschuldige“, murmelte Jonas und begann, die Scherben der Tasse aufzusammeln, die seine Mutter im Ausbruch ihrer Gefühle vom Tisch gefegt hatte.

„Schon gut.“ Ich legte die Arme um ihn. „Es hatte sogar einen gewissen Unterhaltungswert. Wie im Zirkus, nur dass der Clown böse war und kein Make-up brauchte.“

Wir glaubten tatsächlich, damit sei die Sache erledigt. Wie naiv wir waren. Das Ganze war bloß die Ouvertüre gewesen.

Drei Tage später klingelte im Büro mein Telefon.

„Spreche ich mit Frau Louisa Viktor? Hier ist die Bank ‚Schnelles Geld – Langer Kummer‘. Ihre Schwiegermutter hat Sie als Bürgin eingetragen. Da sie mit einer Zahlung in Verzug geraten ist, leiten wir gemäß Vertrag nun das Einzugsverfahren gegen Sie ein.“

Ich legte auf und zählte bis zehn. Dann bis zwanzig. Anschließend stellte ich mir Stefanie in einem riesigen Garnelenkostüm vor, wie sie in einem Kessel gekocht wurde. Danach ging es mir etwas besser.

Am Abend fuhr ich zu ihr. Die Wohnungstür war nicht abgeschlossen. Drinnen roch es nach Baldriantropfen und alten Putzlappen. Meine Schwiegermutter lag mit einem feuchten Handtuch auf der Stirn auf dem Sofa und gab einen sterbenden Schwan, der mitten beim Karriereaufstieg abgeschossen worden war.

»Ich sterbe«, verkündete sie mit einer Stimme, als spräche sie bereits aus der Familiengruft, und blinzelte unter dem Handtuch hervor. »Mein Blutdruck ist zweihundert zu null. Das Herz hämmert wie ein Presslufthammer. So weit hast du mich gebracht.«

»Stefanie Fedorowna«, sagte ich und setzte mich auf die äußerste Kante des Sessels. »Ich war bei der Bank. Haben Sie meine Unterschrift unter der Bürgschaftserklärung nachgemacht?«

»Nachgemacht?«, fauchte sie und richtete sich erstaunlich schwungvoll auf; der Blutdruck war offenbar in Urlaub gefahren. »Ich habe nur geübt! In meinem Alter zittert einem nun mal die Hand. Außerdem gehören wir doch zur selben Familie. Was spielt es da für eine Rolle, wessen Kringel unter dem Papier steht?«

»Eine ziemlich große«, erwiderte ich und holte mein Handy hervor. »Das läuft unter Urkundenfälschung, § 267 StGB. Im schlimmsten Fall gibt es dafür Freiheitsstrafe. Im Gefängnis, habe ich gehört, werden Nudeln kostenlos ausgegeben. Um Ihre Verpflegung müssten wir uns also keine Sorgen machen.«

Sie wurde so blass, dass sie farblich beinahe mit der Tapete verschmolz.

»Du… du würdest die Mutter deines Mannes anzeigen?«

»Ich persönlich nicht«, sagte ich. »Die Bank dagegen vermutlich mit Vergnügen. Allerdings könnte ich meine Aussage relativieren, wenn wir uns einigen.«

Stefanie kniff die Augen zusammen. In ihrem Kopf, der seit Jahren auf kleine Tricksereien spezialisiert war, begannen sichtbar die Zahnräder zu knirschen.