»Was willst du?«

»Erstens unterschreiben Sie mir eine Erklärung, dass diese Schulden ausschließlich Ihre sind. Zweitens übertragen Sie das Wochenendhäuschen auf Jonas. Als Schenkung. Und zwar morgen. Damit es nicht irgendwann von Inkassoleuten verwertet wird. Wir verkaufen es, begleichen damit Ihren Kredit für diese ›Göttin des Überflusses‹, und was übrig bleibt, bekommen Sie zum Leben.«

»Niemals!«, kreischte sie. »Das ist Erpressung!«

»Nein«, korrigierte ich freundlich. »Das nennt man Krisenmanagement. Entweder Häuschen oder Haftpritsche. Es ist wie in der Kantine: Kartoffelbrei oder Nudeln, aber gegessen wird so oder so.«

Sie versuchte zu widersprechen. Dann weinte sie. Danach setzte sie zu einer Ohnmacht an. Leider kündigte ich rechtzeitig an, ihr im Falle eines theatralischen Zusammenbruchs einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf zu kippen. Daraufhin entschied sie sich, nicht umzufallen, offenbar aus Rücksicht auf das Laminat.

Am Ende siegte die Vernunft. Oder die Angst vor staatlicher Vollverpflegung.

Eine Woche später saßen wir beim Notar. Das Häuschen, dieses Denkmal der Verwahrlosung mit Dachpappe und beleidigten Gartenzwergen, fand überraschend schnell einen Käufer. Der Erlös reichte, um ihren Kredit für die »Göttin des Überflusses« vollständig abzulösen, und es blieb sogar noch etwas übrig.

Der eigentliche Schlussakkord dieser Geschichte erklang jedoch bei einem Familienessen, das Stefanie unbedingt als »Zeichen der Versöhnung« veranstalten wollte. Ich merkte sofort: Sie plante keinen Frieden, sondern eine Gegenoffensive.

Der Tisch bog sich unter Schüsseln mit Salaten, in denen mehr Mayonnaise als Gemüse steckte. Stefanie thronte am Kopfende wie eine Königin über ihrem kalorienreichen Reich.

»Also, Kinder«, begann sie honigsüß und hob ein Glas selbst angesetzter Likörmischung. »Ende gut, alles gut. Louisa hat natürlich sehr hart gehandelt, indem sie mir meine nährende Erde genommen hat, aber ich bin eine weise Frau und vergebe. Übrigens, Jonas, ich habe da eine Anzeige gesehen… Es gibt ganz besondere Wasserfilter mit Silberionen. Nur vierzigtausend Euro. Das Wasser wird praktisch heilig! Nach all diesem Schmutz müssen wir uns alle reinigen. Louisa, du übernimmst das doch sicher. Als Entschuldigung.«

Jonas verschluckte sich an seinem Kartoffelsalat. Ich legte langsam die Gabel zur Seite.

»Stefanie Fedorowna«, sagte ich und schenkte ihr mein räuberischstes Lächeln. »Wussten Sie, dass Silberionen in größeren Mengen Argyrie verursachen können? Die Haut verfärbt sich blau. Das würde Ihnen bestimmt stehen: wie Avatar, nur im Rentenalter.«

»Du wirst schon wieder frech!«, fauchte sie und schob die Unterlippe vor wie ein beleidigtes Kind. »Ein bisschen Achtung darf ich wohl erwarten! Ich bin seine Mutter! Und überhaupt: Ich habe dich in diese Familie aufgenommen!«

»In diese Wohnung habe allerdings ich Sie gelassen«, erinnerte ich sie freundlich.

»Das spielt doch keine Rolle!« Sie wedelte so heftig mit der Hand, dass die Salatschüssel gefährlich ins Wanken geriet. »Ihr habt die Pflicht, euch um uns zu kümmern. Vielleicht steckt in mir ein unentdecktes Talent! Vielleicht will ich mich selbstständig machen!«