»Womit denn?«, fragte Jonas trocken. »Mit der serienmäßigen Herstellung von Katastrophen?«
Stefanie Fedorowna lief dunkelrot an.
»Wie redest du mit mir? Hat sie dir das beigebracht? Pantoffelheld! Ich habe doch nur an dich gedacht! Ich wollte, dass wir alle einmal richtig gut leben! Und ihr…«
Da beschloss sie offenbar, ihre letzte Karte auszuspielen.
»Wenn ihr mir nicht sofort Geld für diese Filter gebt, dann… dann ziehe ich eben bei euch ein! Meine Wohnung vermiete ich, und hier richte ich mich im Wohnzimmer ein. Und dich, Louisa, werde ich jeden Tag persönlich unterrichten, wie man eine ordentliche Suppe kocht!«
Für einen Moment war es still. Diese Drohung hatte die Wucht eines nuklearen Winters. Mit Stefanie Fedorowna unter einem Dach zu wohnen, wäre ungefähr so, als würde man sich freiwillig mit einem ausgehungerten Waschbären einsperren, der nebenbei noch Stimmungsschwankungen hat.
Ich sah Jonas an. Er lächelte. Breit. Gelassen. Und erstaunlich sicher.
»Mama«, sagte er und zog ein gefaltetes Blatt Papier aus der Tasche, »ich habe übrigens eine Stelle gefunden. Heute kam die Zusage. Leitender Projektingenieur. Das Gehalt ist so hoch, dass du es mir vermutlich nicht glauben würdest.«
In den Augen meiner Schwiegermutter gingen zwei Scheinwerfer an.
»Mein Junge!«, rief sie, und ihr Zorn verwandelte sich innerhalb einer Sekunde in zuckersüße Rührung. »Ich wusste es! Mein Blut! Na also, jetzt fängt das Leben an. Dann kaufen wir die Filter, ein neues Sofa und für mich vielleicht endlich diesen Mantel…«
»Nein, Mama«, unterbrach Jonas sie ruhig. »Wir kaufen gar nichts davon. Louisa und ich haben darüber gesprochen. Wir nehmen einen Immobilienkredit auf und suchen uns eine größere Wohnung. Bis dahin gilt bei uns ein ziemlich strenger Sparkurs.«
»Wie bitte?« Sie erstarrte.
»Genau so. Und außerdem: Du beschäftigst dich doch neuerdings so intensiv mit Energien, Schwingungen und dem ganzen esoterischen Kram. Da wären materielle Güter für dich bestimmt schädlich. Geld hat sehr niedrige Vibrationen, Mama. Wir möchten deine Aura nicht belasten.«
»Was?!« Sie rang empört nach Luft. »Welche Vibrationen? Gib mir Geld!«
Jonas hob bedauernd die Hände.
»Geht nicht. Louisa ist bei uns die Finanzdirektorin. Alle Anträge bitte an sie.«
Stefanie Fedorowna drehte langsam den Kopf zu mir. Ihr Gesicht sah aus wie ein zerknitterter Fünfziger, den kein Automat mehr annehmen will.
»Du…«, zischte sie.
»Ich«, sagte ich und trank den letzten Schluck meines Saftes, »investiere grundsätzlich nur in Projekte mit Zukunft. Und Sie, Mama, sind leider ein hochtoxischer Vermögenswert. Zu viel Risiko, keine Rendite.«
Seit jenem Abend ist ein halbes Jahr vergangen.
Jonas arbeitet hervorragend, und die größere Wohnung haben wir tatsächlich gekauft. Meine Schwiegermutter? Sie ruft ungefähr einmal im Monat an, beklagt sich ausführlich über ihr schweres Schicksal, bittet aber nicht mehr um Geld. Offenbar hat sie begriffen, dass die Bank »Sohn & Schwiegertochter« ihr Konto endgültig gesperrt hat.
Vor Kurzem erfuhr ich dann, dass sie eine Stelle als Concierge angenommen hat. Allen erzählt sie, es gehe ihr nur um den »Kontakt zu Menschen«. Aber wir kennen die Wahrheit. Jetzt überwacht sie beruflich, wer im Haus zu wem geht, wer zu lange im Treppenhaus steht und wer verdächtig oft Pakete bekommt.
Im Grunde ist es der perfekte Job für jemanden, der seine Nase leidenschaftlich gern in fremde Angelegenheiten steckt. Der einzige Unterschied zu früher: Jetzt wird sie dafür sogar bezahlt.