Lukas verzog den Mund. „Welches Geld denn bitte? Diese paar Kröten?“

„Diese paar Kröten haben diese Familie ernährt, als du vor drei Jahren entlassen wurdest! Schon vergessen? Wer hat die Miete überwiesen, als du ein halbes Jahr lang keine Stelle gefunden hast? Wer hat eingekauft? Wer hat den Kindern Kleidung gekauft?“

„Das war eine Übergangsphase.“

„Ja! Und ich habe es dir kein einziges Mal vorgehalten! Nicht ein einziges Mal habe ich dich deshalb gedemütigt. Aber du? Du erinnerst mich bei jeder Gelegenheit daran, dass du mehr verdienst.“

Lukas machte einen Schritt nach hinten. Diese Frau vor ihm kam ihm fremd vor. Anna, die sonst nachgab. Anna, die schwieg. Anna, die Konflikte glättete, bevor sie überhaupt laut wurden.

„Beruhig dich doch erst mal.“

„Wag es nicht, mir zu sagen, ich soll mich beruhigen!“ Ihre Hände zitterten. „Fünfzehn Jahre lang habe ich mich beruhigt. Fünfzehn Jahre lang habe ich mir angehört, ich sei zu nichts richtig zu gebrauchen. Dass ich Glück hätte, dich zu haben. Dass ich dankbar sein müsste.“

„So etwas habe ich nie—“

„Doch! Immer! Nur nie offen genug, damit du dich dafür verantworten musstest. Immer in kleinen Stichen. In Andeutungen. In deinen angeblichen Witzen. ‚Anna sitzt wieder am Laptop und tippt ihre Texte.‘ Oder: ‚Na, was bringen dir deine hundertfünfzig Euro diesmal?‘ Oder: ‚Zum Glück hast du ja mich.‘“

Sie griff wahllos nach den Dingen auf dem Tisch und schleuderte sie gegen die Wand: ein paar Stifte, ein Notizheft, die Fernbedienung.

„Hör auf mit diesem Theater!“

„Das ist kein Theater!“ Sie starrte ihn an. „Das ist die Wahrheit. Nur willst du sie nicht hören.“

Lukas streckte die Hand aus, als wolle er sie festhalten, doch Anna wich ihm aus.

„Fass mich nicht an! Hast du wirklich geglaubt, ich würde ewig alles ertragen? Immer schweigen? Immer nicken? Fahr zur Hölle, Lukas!“

„Anna!“

„Was ist? Erstaunt? Hast du nicht damit gerechnet, dass deine brave kleine Frau irgendwann antwortet? Dass sie Nein sagen kann?“

In diesem Moment klingelte Lukas’ Handy. Auf dem Display stand: „Direktor“.

„Geh ran!“, rief Anna. „Dann kann dein großartiger Chef gleich hören, was für ein Mensch du wirklich bist.“

Lukas drückte den Anruf weg. Doch kaum war das Display dunkel, begann es erneut zu vibrieren.

Er hob ab. „Ja … Wilhelm Simon … Was? Aber das kann doch nicht … Ich verstehe nicht …“

Mit jedem Satz, den er hörte, wich mehr Farbe aus seinem Gesicht. Schließlich ließ er das Telefon langsam sinken.

Anna atmete schwer, doch ihre Stimme wurde etwas leiser. „Was ist passiert?“

Lukas setzte mehrmals an, bevor er ein Wort herausbrachte. „Ich bin … vorläufig von meinem Posten entbunden.“

„Was? Wieso?“

„Andreas Köhler sitzt im Aufsichtsrat. Nachdem du ihn angerufen und das Bankett abgesagt hast, wurde er misstrauisch. Er hat nachgefragt. Dabei kam heraus, dass die Anzahlung fürs Restaurant über die Firmenkreditkarte gelaufen ist.“ Er schluckte. „Zweckwidrige Nutzung von Firmengeldern.“

Er sank schwer auf das Sofa, als hätten seine Beine ihn nicht länger tragen wollen.