Sophia las diese Zeilen einmal. Dann noch ein zweites Mal, langsamer. Sie spürte, wie sich etwas Warmes in ihrer Brust ausbreitete — keine Genugtuung, kein Stolz, eher eine stille, vorsichtige Erleichterung. Vielleicht war ihr eigener Bruch nicht nur ein Ende gewesen. Vielleicht hatte er irgendwo, bei jemand anderem, einen Anfang möglich gemacht.
Sie tippte keine lange Antwort. Große Worte hätten nicht gepasst. Schließlich schrieb sie nur:
„Halten Sie durch. Sie schaffen das.“
Danach legte sie das Telefon neben sich auf die Fensterbank und sah wieder hinaus. Der Himmel wurde dunkler, die letzten hellen Streifen verschwanden hinter den Dächern, und auf der Straße gingen nacheinander die Laternen an. In den Fenstern der Nachbarhäuser flammte warmes Licht auf. Irgendwo dort draußen existierte Sebastian Baumann weiter — mit seinen Schulden, ohne den Betrieb, ohne Lia Meyer, ohne das Netz aus Lügen, das ihn so lange getragen hatte.
Und hier saß sie.
Frei.
Mit einer Aufgabe, die ihr gehörte. Mit ihrem Vater in der Nähe. Mit einem Leben, das nicht mehr von Sebastians Launen, seinen Blicken und seinen abfälligen Worten bestimmt wurde.
Sophia hob die Tasse und nahm einen Schluck. Der Tee war noch viel zu heiß, brannte auf der Zunge und in der Kehle. Doch sie verzog nicht das Gesicht. Sie hielt die Tasse nur fester, spürte die Wärme an ihren Handflächen und dachte daran, wie viel Zeit noch vor ihr lag.
Zeit, die niemand mehr für sie einteilen würde.
Zeit ohne Täuschung. Ohne Erniedrigung. Ohne einen Menschen, der ihr eingeredet hatte, sie sei abstoßend, falsch, nicht genug.
Nur sie selbst.
Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fühlte sich genau das vollkommen ausreichend an.