Als die Richterin ihre Entscheidung verlas, saß Michael vollkommen reglos da. Helena Vogel begann draußen auf dem Flur sofort zu flüstern — allerdings in jener Lautstärke, bei der garantiert jeder mithören sollte.

„So ein Rechtssystem haben wir also. Eine Frau nimmt einem Mann alles weg und ist auch noch zufrieden.“

Ich ging an ihr vorbei. Da warf sie mir in den Rücken:

„Du wirst trotzdem allein bleiben. Mit Frauen wie dir hält es keiner aus.“

Ich blieb stehen und drehte mich um.

„Mit mir, Frau Vogel, hat nur derjenige Schwierigkeiten, der es gewohnt ist, auf meine Kosten zu leben.“

Sie öffnete den Mund, fand aber keinen einzigen Satz. Es hatte beinahe etwas Feierliches: Helena Vogel ohne Worte. Ein seltenes Naturereignis.

Nach der Scheidung zog ich wieder vollständig in die Wohnung zurück. Als Erstes wischte ich die Böden. Nicht, weil es besonders schmutzig gewesen wäre — Michael war halbwegs ordentlich ausgezogen und hatte seine Sachen mitgenommen, außerdem seine alte Spielkonsole, einen Werkzeugkasten und aus irgendeinem Grund meine Decke. Ich putzte, weil ich mir den Raum zurückholen musste. Das Wasser im Eimer wurde rasch grau. Ich schrubbte die Fußleisten, die Küchenfronten, das Regal im Bad. Ich warf einen eingetrockneten Lufterfrischer weg, seine alten Autozeitschriften und einen Becher mit der Aufschrift „König der Garage“. Der Becher war unbeschädigt, aber ich brachte ihn trotzdem zum Müll. Sollte er dort weiterregieren.

Die ersten Wochen fühlten sich seltsam an. Die Stille in der Wohnung klang nicht sofort nach Freiheit, sondern eher nach dem Fehlen eines vertrauten Hintergrundgeräuschs. Ich bemerkte, dass ich Lebensmittel weiterhin für zwei kaufte: zwei Packungen Quark, ein großes Brot, ein Kilo Hähnchenschenkel. Danach lachte ich über mich selbst und fror den Überschuss ein. Abends musste ich kein richtiges Essen kochen, wenn ich keine Lust dazu hatte. Ein Omelett reichte. Oder ein Salat. Niemand erklärte mir, ein Mann brauche Fleisch. Niemand öffnete den Kühlschrank mit dem Blick eines Betriebsprüfers. Niemand fragte, warum Waschmittel heutzutage so teuer sein müsse.

Ich vereinbarte einen Termin bei einer Finanzberaterin. Nicht bei einem Internet-Guru, der passives Einkommen von einer Strandliege aus versprach, sondern bei einer sachlichen Frau mit Zulassung, Tabellen und dem herrlich langweiligen Satz: „Zuerst die Rücklage, dann die Anlageformen.“ Einen Teil des Geldes legte ich auf ein Tages- und Festgeldkonto, einen anderen in Anleihen, und etwas behielt ich für die Küche zurück. Nicht für ein Designerparadies mit Marmor, indirekter Beleuchtung und Fotos für Wohnmagazine, sondern für eine normale Küche mit Schubladen, die sich schließen ließen, ohne dass man vorher beten musste.

Und genau dann geschah die Wendung, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Cäcilia Roth, meine merkwürdige Tante aus Kindertagen, hatte mir nicht nur Geld hinterlassen. Die Notarin rief mich an, als alle Gerichtstermine bereits vorbei waren, und erklärte, in den Unterlagen sei noch ein Umschlag mit meinem Namen aufgetaucht. Er hatte zwischen medizinischen Papieren gesteckt und war dort übersehen worden. Ich fuhr hin, um ihn abzuholen.