„Dann soll er bitte zu jemandem kommen, der ihn dringender braucht.“
Im Büro breitete ich die Einzelheiten nicht aus. Ich sagte meiner Chefin lediglich, dass ich mich scheiden lasse und deshalb gelegentlich wegen Gerichtsterminen fehlen müsse. Sie blickte über den Rand ihrer Brille hinweg zu mir auf.
„Müssen wir irgendetwas absichern? Unterlagen, Zugänge, so etwas?“
„Nein. Ich komme zurecht.“
„Zurechtkommen ist gut“, meinte sie trocken. „Aber falls dein zukünftiger Ex anfängt, Unsinn zu machen, sag Bescheid. Mein Bruder ist bei der Polizei. Kein Heiliger, aber nützlich.“
Diese Art von Beistand verstand ich deutlich besser als lange Trostreden mit feuchten Augen.
Während die Scheidung lief, kamen immer mehr kleine Dinge ans Licht. Zum Beispiel stellte sich heraus, dass Michael Hermann seit einem halben Jahr heimlich einen Teil seines Gehalts an seine Mutter überwiesen hatte — angeblich „für die Gesundheit“. Zur gleichen Zeit hatte Helena Vogel mir regelmäßig erzählt, ihr armer Sohn könne ihr leider überhaupt nicht helfen, weil seine Frau ja alles an sich reiße. Außerdem fand ich heraus, dass er für eine Autoreparatur einen Kleinkredit aufgenommen und meine Telefonnummer als zusätzlichen Kontakt angegeben hatte. Kurz darauf riefen mich ausgesprochen muntere Menschen an, deren Tonfall an eine laufende Fleischwolfmaschine erinnerte. Ich verwies sie an Michael und sperrte die Nummern.
Das Widerliche daran war nicht einmal die Schuld selbst. Schlimmer war, wie selbstverständlich sie in das Gesamtbild passte. Michael Hermann war kein Bösewicht aus einem Film. Er erfand keine genialen Intrigen, versteckte keine Millionen auf irgendwelchen Konten und schmiedete keine finsteren Pläne bei Kerzenschein. Er lebte einfach so, als müssten Konsequenzen grundsätzlich bei anderen landen. Bei seiner Mutter. Bei seiner Frau. Bei irgendwem, der zufällig näher an der Tür stand.
Zur zweiten Verhandlung bemühte er sich, würdevoll auszusehen. Er trug ein Hemd, das ich ihm einmal gekauft hatte, und seine Haare lagen so ordentlich, als hätte er vor dem Spiegel eine Charakterreform geprobt. Im Flur des Gerichts roch es nach Staub, Papier und billigem Automatenkaffee. Helena Vogel saß neben ihm, hielt ihre Handtasche auf den Knien umklammert und betrachtete mich, als hätte ich ihr in einem Aufwasch den Sohn, den Blumenstand und den Lebenssinn gestohlen.
Kurz bevor wir hineingerufen wurden, kam Michael auf mich zu.
„Laura, lass uns das ohne Theater machen. Ich will keinen Krieg.“
„Warum bist du dann mit Anwalt hier?“
„Ich verteidige nur meine Rechte.“
„Dann verteidige sie. Aber verkauf mir das bitte nicht als Friedensangebot.“
Er senkte die Stimme.
„Mama geht es wirklich schlecht. Blutdruck, Herzrasen, alles Mögliche. Du könntest wenigstens menschlich bleiben.“
„Menschlich wäre, den Blutdruck deiner Mutter nicht als Argument in einer Vermögensfrage zu benutzen.“
Er trat einen Schritt zurück. Vielleicht klang ich inzwischen härter. Vielleicht hatte ich früher dasselbe gesagt, nur viel leiser.
Das Gericht teilte das gemeinsame Eigentum ohne dramatische Überraschungen auf. Die Haushaltsgeräte wurden so bewertet, dass ich beinahe lachen musste: Der Kühlschrank, für den wir damals ungefähr 480 Euro bezahlt hatten, verwandelte sich auf dem Papier in einen erschöpften Rentner mit einem Restwert von 150 Euro. Das Sofa brachte es auf 100 Euro. Die Waschmaschine auf 80. Das gemeinsame Konto wurde hälftig geteilt. Die Wohnung blieb bei mir. Das Erbe ebenfalls. Michaels Anwalt versuchte noch, sich am Thema Renovierung festzuklammern, aber Quittungen, Überweisungen und Datumsangaben erledigten ihre Arbeit. Michaels Beitrag sah am Ende aus wie eine Beteiligung an der Auswahl der Wandfarbe, und selbst das war großzügig formuliert.