Meine Mutter wohnte am anderen Ende der Stadt, in einer Dreizimmerwohnung in einem Plattenbau, zusammen mit meinem Stiefvater und einem Kater, der Gäste verachtete, Menschen mit Taschen jedoch respektierte. Sie öffnete die Tür, sah mich an und fragte nicht: „Was ist passiert?“ Dafür bin ich ihr bis heute dankbar. Manche Fragen stellt man nur, damit ein Mensch endgültig auseinanderfällt.

„Komm rein“, sagte sie. „Borschtsch ist da. Hausschuhe auch.“

Am Küchentisch erzählte ich alles. Meine Mutter hörte schweigend zu. Nur einmal stand sie auf und schaltete den Wasserkocher aus, der längst gekocht hatte und beleidigt vor sich hin klickte. Mein Stiefvater saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher, drehte aber den Ton leiser. Er war überhaupt ein taktvoller Mensch: Unterstützung konnte er schon dadurch zeigen, dass er sich nicht einmischte.

Als ich fertig war, sagte meine Mutter:

„Ich habe darauf gewartet, dass du es selbst siehst.“

„Warum hast du nichts gesagt?“

„Hätte ich etwas gesagt, hättest du ihn verteidigt. Das machen alle, solange sie innerlich noch nicht so weit sind.“

Ich wollte widersprechen, brachte es aber nicht fertig. Sie hatte recht.

Die Scheidung zog sich drei Monate hin. Nicht, weil die juristische Lage kompliziert gewesen wäre, sondern weil Michael und Helena Vogel beschlossen, aus dem Verfahren eine volkstümliche Fernsehserie zu machen. Er engagierte einen Anwalt, der ernsthaft vorbrachte, das Erbe sei „während der Ehe zugeflossen“ und müsse deshalb „im Interesse der Familie berücksichtigt werden“. Sandra Heinrich hörte sich das mit dem Gesichtsausdruck einer Ärztin an, der ein Patient gerade voller Überzeugung eine völlig absurde Selbstbehandlung erklärt.

etwa die Idee, einen Knochenbruch mit Kohlblättern heilen zu wollen.

Michael… Nein, Michael Hermann — manchmal ertappte ich mich dabei, dass ich ihm in Gedanken irgendeinen fremden Namen gab, als hätte mein Kopf sich geweigert, ihn weiterhin in der alten Schublade abzulegen — schrieb mir beinahe täglich. Anfangs kamen Drohungen: „Du wirst schon sehen, wie das Gericht entscheidet.“ Danach folgten Vorwürfe: „Mama liegt deinetwegen flach.“ Später wechselte er in die Mitleidsschiene: „Ohne dich ist es schlimm, die Wohnung ist so leer.“ Und dann, ganz plötzlich, war da wieder Liebe: „Ich habe alles begriffen, lass uns noch einmal von vorn anfangen.“ Ich las diese Nachrichten und ließ sie unbeantwortet. Genau genommen reagierte ich nur, wenn es wirklich notwendig war: Unterlagen, Gerichtstermine, persönliche Sachen.

Helena Vogel ging die Sache gründlicher an. Sie telefonierte sich durch die Verwandtschaft, informierte Bekannte und erreichte sogar unsere Nachbarin aus dem fünften Stock, die mich eines Tages vor dem Hauseingang abpasste.

„Laura, Kindchen, überlegen Sie es sich doch noch einmal“, sagte sie und drückte eine Einkaufstasche mit Kartoffeln an sich. „Es ist doch immerhin Ihr Mann. Männer gibt es heutzutage nicht mehr so viele.“

Ich sah sie einen Moment lang an. Am liebsten hätte ich gefragt, ob Knappheit inzwischen ein Grund sei, jeden beliebigen Mann aufzubewahren wie abgelaufenen Reis in Krisenzeiten. Stattdessen sagte ich nur: