— In der Familie?

— Bei dir, — präzisierte sie, ohne mit der Wimper zu zucken. — Aber du bist schließlich die Frau meines Sohnes. Also bist du kein fremder Mensch.

Ich schenkte mir Wasser aus dem Filter ein. Das Glas in meiner Hand wurde plötzlich unerwartet schwer.

— Helena Vogel, ich werde keine neuntausend Euro in Ihren Pavillon stecken.

Im ersten Moment empörte sie sich nicht einmal. Sie erstarrte nur. Offenbar hatte ihr Drehbuch vorgesehen, dass ich mich ein wenig ziere, nach der Kontonummer frage und vielleicht sogar vor Rührung weine, weil mir eine so hohe familiäre Aufgabe anvertraut wurde.

— Du hast mich nicht verstanden, — sagte sie langsam. — Ich bitte nicht um einen Pelzmantel. Ich will ein Geschäft aufbauen. Davon haben alle etwas. Michael wird es später leichter haben, ihr bekommt Gewinn. Ich bin doch keine Fremde.

— Ich habe Sie sehr gut verstanden. Meine Antwort lautet nein.

— Warum?

— Weil es mein persönliches Geld ist. Mein Erbe. Ich bin nicht bereit, fast zehntausend Euro in ein Geschäft zu riskieren, das Sie vor einer Woche erdacht haben.

— Nicht vor einer Woche! — Sie schlug mit der Handfläche auf den Tisch. Der Löffel in der Tasse klirrte. — Mein ganzes Leben habe ich davon geträumt, nicht für andere den Rücken krumm zu machen, sondern etwas Eigenes zu besitzen. Und du sitzt hier in einer Wohnung, die dir, wenn man so will, das Schicksal geschenkt hat, und knauserst herum. Michael hat recht, das Geld hat dich verdorben.

— Das Geld hat mich nicht verdorben. Es hat nur sichtbar gemacht, wer mich wie betrachtet.

Der Satz rutschte mir heraus, bevor ich ihn aufhalten konnte. Helena Vogel kniff die Augen zusammen.

— Für wen hältst du dich eigentlich? Sehr klug, was? Sie hat ein gutes Gehalt, sie hat ihre Wohnung, sie hat ihr Geld. Und was ist dann dein Mann? Ein Anhängsel? Du hast ihn klein gemacht, deshalb entfaltet er sich nicht.

Ich stellte das Glas ab.

— Michael ist ein erwachsener Mann. Wenn er sich nicht entfaltet, sollte er prüfen, ob er sich vielleicht von innen eingeschlossen hat.

Flecken stiegen ihr ins Gesicht. In einer anderen Lage hätte mir das vielleicht Angst gemacht. Doch in diesem Augenblick lag eine seltsame Ruhe in mir, wie kurz vor einem Gewitter, wenn die Luft schon nach Metall riecht.

— Ich mochte dich von Anfang an nicht, — sagte sie. — Du bist trocken. Du rechnest alles aus. So lebt man nicht in einer Familie.

— Eine Familie lebt auch nicht davon, dass einer ständig bezahlt und der andere zusammen mit seiner Mutter entscheidet, wofür.

— Wage es nicht, über meine Mutter… also über mich… — Sie verhaspelte sich und wurde dadurch nur noch wütender. — Du bist undankbar. Wir haben dich aufgenommen.

— In meine Wohnung? — fragte ich. — Sehr großzügig.

Sie sprang auf. Der Stuhl scharrte über die Fliesen.

— Ich werde Michael alles erzählen. Er soll endlich ein Mann werden.

— Richten Sie ihm gleich mit aus, dass ich Nein gesagt habe. Dann muss er nicht noch einmal nachfragen.

Helena Vogel ging und schlug die Tür so heftig zu, dass im Flur eine Schuhbürste vom Regal fiel. Ich hob sie auf, stellte sie zurück und sah plötzlich die schmutzigen Abdrücke ihrer Stiefel auf dem Boden. Deutlich, verschmiert, quer über den Flur, den ich erst gestern gewischt hatte. Manchmal ist es genau so eine alltägliche Kleinigkeit, die einem stärker zusetzt als die große Szene selbst. Den Streit hält man noch aus, das Geschrei auch. Und dann steht man da, wischt den Dreck eines anderen weg und denkt: Wie lange eigentlich noch?