An einem Abend begann unter der Spüle ein Rohr zu tropfen. Ausgerechnet mitten in einer weiteren Diskussion darüber, dass 9.000 € „bei globaler Betrachtung nun wirklich keine gewaltige Summe“ seien. Erst fielen einzelne Tropfen in die Schüssel, die ich hastig daruntergestellt hatte, dann wurde daraus ein dünner, ungeduldiger Strahl. Michael kroch unter die Spüle, fluchte, suchte den passenden Schlüssel, fand ihn nicht und machte mir nebenbei Vorwürfe, ich hätte „die brauchbaren Lappen irgendwo verräumt“. Ich stand daneben und hielt die Taschenlampe.
„Leuchte doch vernünftig!“, fuhr er mich an.
„Ich leuchte auf das Rohr.“
„Nicht dahin!“
„Michael, da ist nur ein Rohr.“
Er schob sich wieder hervor, nass, wütend, mit hochrotem Gesicht.
„Genau so ist es immer mit dir. Nicht einmal helfen kannst du richtig.“
Ich sah auf das Wasser, auf sein durchweichtes T-Shirt, auf die Schüssel, in die unsere ganze Familienphilosophie tropfte. Und plötzlich wurde mir so klar, dass mir fast übel wurde: Dieser Mann konnte nicht einmal bei einem undichten Rohr neben jemandem stehen. Was sollte dann erst mit einem ganzen Leben sein?
Den Klempner rief ich selbst. Bezahlt habe ich ihn auch. Michael erklärte später, er hätte die Sache selbstverständlich reparieren können, nur die „aufgeheizte Stimmung“ habe ihn daran gehindert.
In dieser Nacht schlief ich lange nicht ein. Ich lag am Rand des Bettes, hörte sein Schnaufen und ließ die vergangenen Jahre wie einen Film durch meinen Kopf laufen. Da war ich, wie ich nach der Arbeit noch in den Baumarkt fuhr, um einen neuen Wasserhahn zu kaufen, weil es Michael „zu weit“ war und „der Verkehr die Hölle“. Da war ich, wie ich seine Versicherung überwies, weil er gerade „einen kurzfristigen Liquiditätsengpass“ hatte. Da war ich, wie ich Helena Vogel höflich anlächelte, während sie mir erklärte, Frikadellen müsse man in einer Mischung aus Ölen braten, sonst bleibe ein Mann seelisch hungrig. Und da war Michael, der immer wieder sagte: „Fang nicht schon wieder an.“ Dieses ewige „Fang nicht an“. Als hätte ich nicht auf das reagiert, was passierte, sondern den Streit eigenhändig aus dem Nichts hervorgezaubert wie ein Zauberkünstler eine Taube.
Am nächsten Mittag verließ ich in der Pause das Büro, kaufte mir einen Kaffee im Pappbecher und setzte mich im Auto auf den Parkplatz. Der Tag war grau, der Schnee verwandelte sich in schmutzigen Matsch, und die Scheibenwischer verteilten das Wasser träge auf der Windschutzscheibe. Ich suchte die Nummer einer Anwältin für Familienrecht heraus. Eine Kollegin hatte sie mir irgendwann gegeben, nachdem sie sich von einem Mann hatte scheiden lassen, der sogar den Dampfgarer aufteilen wollte. Ich rief an.
Sandra Heinrich sprach ruhig. Nicht klebrig mitfühlend, nicht amtlich kühl, sondern wirklich ruhig — wie jemand, der genug fremde Ehen gesehen hatte, um sich über menschliche Dreistigkeit nicht mehr zu wundern.
Sie erklärte mir, dass eine Erbschaft persönliches Vermögen eines Ehepartners sei und nicht in den Zugewinnausgleich falle. Die Wohnung, die ich bereits vor der Ehe gekauft hatte, blieb ebenfalls meine. Geteilt würde nur, was tatsächlich gemeinsam erworben worden war: Geräte, Möbel, Geld auf gemeinsamen Konten. Falls Michael behaupten sollte, er habe in die Renovierung investiert, brauche er Belege. Seine 250 € wirkten neben meinen Überweisungen nicht wie ein Anteil an einer Immobilie, sondern höchstens wie eine Beteiligung am Laminat. Und selbst das war freundlich gerechnet.