Leon schwieg. Innerlich wusste er, dass sie recht hatte. Zugeben wollte er es trotzdem nicht.

In den folgenden Tagen lag eine erstickende Spannung über der Wohnung. Elisabeth Kraus wandte sich jedes Mal demonstrativ ab, sobald Anna den Raum betrat. Leon versuchte, die Wogen zu glätten, doch seine Bemühungen blieben halbherzig und wirkungslos.

„Vielleicht könnten wir wenigstens eine kleine Summe geben?“, schlug er eines Abends vor. „Hundert Euro?“

„Keinen Cent“, sagte Anna ohne Zögern.

„Aber Mama wird dir das ewig übelnehmen …“

„Das ist deine Mutter. Dann klär du das mit ihr.“

Gerade in diesen Tagen wurde Anna endgültig klar, dass sie unter diesem Dach nicht bleiben konnte. Dieser ständige Druck, der Versuch, über ihr Geld zu bestimmen, die völlige Missachtung ihrer Grenzen — all das machte ein gemeinsames Leben unmöglich.

Still begann sie, nach einer Mietwohnung zu suchen. Sie las Anzeigen, schrieb Vermieter an und vereinbarte Besichtigungen. Viel brauchte sie nicht: ein kleines Studio oder eine einfache Einzimmerwohnung hätten gereicht.

Eine Woche nach dem Streit fand sie etwas Passendes. Es war ein kleines Studio in einem Wohnviertel, schlicht, nicht teuer, aber sauber. Die Miete betrug 150 Euro im Monat.

Am Samstag, als alle zu Hause waren, teilte Anna ihre Entscheidung mit.

„Ich ziehe aus“, sagte sie beim Frühstück.

Leon starrte sie an. „Wohin?“

„Ich habe eine Wohnung gemietet. Ich werde allein wohnen.“

„Aber warum denn?“

„Weil mein Geld hier als Familienbesitz betrachtet wird. Für mich ist es das nicht.“

Elisabeth Kraus verzog den Mund zu einem triumphierenden Lächeln.

„Na dann, nur zu!“, sagte sie spitz. „Dann bezahl deine Nebenkosten eben allein.“

„Das werde ich“, erwiderte Anna. „Dafür versucht wenigstens niemand mehr, meine Ersparnisse zu plündern.“

„Anna, vielleicht musst du nicht gleich so radikal reagieren“, bat Leon. „Wir könnten doch noch einmal in Ruhe reden …“

„Worüber? Darüber, dass du mein Geld nicht nehmen darfst? Das ist nichts, was man verhandelt.“

„Aber das ist doch Unsinn! Miete zahlen, obwohl du hier kostenlos wohnen könntest!“

„Lieber zahle ich Miete, als irgendwann ohne meine gesamten Rücklagen dazustehen“, sagte Anna.

Am Montag nahm sie sich frei und verbrachte den ganzen Tag damit, ihre Sachen zu packen. Leon war bei der Arbeit, Elisabeth Kraus rührte keinen Finger und machte daraus auch keinen Hehl. Nur Maximilian Hermann half schweigend dabei, die Taschen zum Taxi zu tragen.

„Vielleicht überlegst du es dir doch noch?“, fragte der ältere Mann leise.

„Nein, Maximilian Hermann. Meine Entscheidung steht fest.“

Er nickte nur. Er begriff, dass seine Schwiegertochter im Recht war. Doch die Loyalität zur eigenen Familie hielt ihn davon ab, sich offen auf ihre Seite zu stellen.

Die neue Wohnung war klein, aber gemütlich. Anna stellte überrascht fest, wie friedlich es sein konnte, allein zu leben. Niemand mischte sich in ihre privaten Angelegenheiten ein. Niemand wollte über ihr Konto verfügen. Niemand redete ihr ein schlechtes Gewissen ein.

Leon rief sie jeden Tag an. Er bat sie zurückzukommen und versprach, seine Mutter werde sich künftig nicht mehr einmischen. Doch Anna glaubte ihm nicht. Elisabeth Kraus war nicht die Art Mensch, die sich plötzlich änderte.