„Du hast das absichtlich so gemacht. Du hast das von Anfang an geplant.“
„Paul, ich habe es fair geregelt. Auf uns beide. Du hast unterschrieben.“
„Mama sagt, du hast uns hereingelegt.“
Anna schwieg einen kurzen Augenblick.
„Deine Mutter sagt vieles. Drei Jahre lang habe ich mir das angehört. Jetzt nicht mehr.“
„Du hältst dich wohl für besonders schlau!“
„Ich halte meinen Anwalt für gut. Das ist nicht dasselbe.“
Sie legte erneut auf. Inzwischen bemerkte sie selbst diese neue Gewohnheit: einfach auf den roten Knopf drücken, sobald ein Gespräch sinnlos wurde. Früher hätte sie das nicht gekonnt. Früher hätte sie bis zum Ende zugehört, weil sie gehofft hätte, vielleicht ändere sich etwas, vielleicht sage er doch noch etwas Wichtiges. Drei Jahre Warten hatten sie eines gelehrt: Da würde nichts Wichtiges kommen. Nur Mutters Haltung, Mutters Urteil und Mutters Stimme, die durch einen anderen Mund sprach.
Am Samstagmorgen klingelte ihr Telefon wieder. Anna erkannte die Nummer nicht und brauchte einen Moment, bis sie verstand, wer am Apparat war. Die alte Frau telefonierte offenbar von einem fremden Anschluss.
„Ich bin’s“, krächzte eine raue Stimme. „Weißt du, wer?“
„Ja“, sagte Anna.
„Du glaubst also, du hast gewonnen?“ In der Stimme lag etwas Merkwürdiges. Nicht einmal richtige Bosheit. Eher Neugier. Fast so etwas wie Respekt.
„Ich habe gegen niemanden gewonnen.“
„Lüg nicht. Doch, das hast du. Frauen wie dich habe ich in achtzig Jahren genug gesehen.“ Es raschelte, dann entstand eine Pause. „Theresa ist selbst schuld. Ich habe ihr gesagt, sie soll die Schwiegertochter nicht anfassen.“
„Sie hat nicht auf mich gehört.“
Anna schwieg einen Moment. Damit hatte sie nicht gerechnet.
„Mir haben Sie das Leben auch nicht gerade leicht gemacht“, sagte sie schließlich. „Erinnern Sie sich an die Sache mit der versalzenen Suppe, damals, als Gäste da waren?“
Dorothea Sommer stieß ein kurzes, trockenes Schnauben aus. Ohne Heiterkeit.
„Ja. Das weiß ich noch. Das war Theresas Einfall. Sie hat mich gebeten, es zu sagen.“
„So etwas habe ich mir gedacht.“
„Na also.“ Wieder raschelte es am anderen Ende der Leitung. „Leb dein Leben. Es war richtig, dass du gegangen bist. Paul war immer ein Waschlappen. Schon immer.“
Dann legte sie auf.
Anna blieb mit dem Handy in der Hand sitzen und sah hinaus. Also war es so. Selbst Dorothea Sommer, diese giftige, lärmende alte Frau, die Teller durch die Küche schleuderte, hatte tief in ihren achtzig Jahren alles verstanden. Sie hatte es nur nie ausgesprochen.
Die Scheidung war zwei Monate später erledigt. Ohne Gerichtsverhandlung. Paul unterschrieb am Ende alles selbst, nachdem Daniel Gross ihm nüchtern dargelegt hatte, was ihn eine gerichtliche Vermögensaufteilung kosten könnte. Theresa Otto war, wie Daniel erzählte, zu einem der Termine einfach mit ihrem Sohn erschienen. Niemand hatte sie eingeladen. Sie setzte sich trotzdem hin und versuchte, an Pauls Stelle zu reden. Daniel blieb höflich, aber unnachgiebig: Sie sei keine Partei in dieser Angelegenheit. Dann bat er sie, draußen im Flur zu warten.