Anna war bei diesem Gespräch nicht dabei. Mit Absicht. Sie musste das nicht mit eigenen Augen sehen.

Ihr Anteil an der Immobilie wurde vollständig ausgeglichen. Paul erklärte sich bereit, ihn zum Marktwert zu übernehmen, damit der Besitz nicht aufgespalten werden musste. Vernünftig war das schon. Vielleicht die einzige vernünftige Entscheidung, die er während ihrer gesamten Ehe getroffen hatte. Oder Theresa hatte die Möglichkeiten durchgerechnet und begriffen, dass es besser war, das Büro in der Familie zu behalten. Am Ende spielte es keine Rolle.

Das Geld wurde an einem Freitagabend überwiesen. Anna sah die Benachrichtigung auf dem Display, sperrte das Handy und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen. Kein Jubel. Keine Feier. Nur ein weiterer Schritt.

Drei weitere Monate vergingen.

Die Wohnung in der Innenstadt hörte nach und nach auf, nur eine Unterkunft zu sein. Ein richtiges Bett stand nun im Schlafzimmer, an der Wand lehnte ein Bücherregal, und auf der Fensterbank standen zwei Pflanzen in schlichten Töpfen. Anna kaufte einen breiten Arbeitstisch und stellte ihn direkt ans Fenster. Dort arbeitete sie jetzt, mit Blick auf den alten Innenhof und die Kastanie, deren Zweige sich bis dicht an die Scheibe schoben.

Ihr Studio entwickelte sich. Zwei neue Kunden kamen dazu, außerdem brachte Anna einen kleinen Onlinekurs für Gestaltung heraus. Florian Lehmann half ihr bei der Bewerbung. Das Geld aus dem Verkauf ihres Anteils legte sie vorsichtig an, erst nach einem Gespräch mit einem Finanzberater. Keine überstürzten Entscheidungen. Kein unnötiges Risiko. Alles ruhig, sauber, Schritt für Schritt.

Florian kam manchmal vorbei. Meistens brachte er Kaffee mit und irgendeine neue Idee für ein gemeinsames Projekt. Anna sagte noch nicht zu, aber sie hörte ihm zu. Und das war angenehm: mit jemandem zu sprechen, der wirklich aufnahm, was sie sagte, statt nur das herauszuhören, was ihm gerade passte.

An einem Abend stieß sie auf ihrem Handy zufällig auf ein altes Foto. Sie und Paul auf irgendeiner Geburtstagsfeier. Beide lachten in die Kamera. Anna betrachtete das Bild lange. Es tat nicht weh. Sie sah es einfach an, als hätte sie in einem Buch ein Foto aus einem fremden Album gefunden.

Dann löschte sie es.

Nicht aus Wut. Nur, weil es keinen Grund gab, es aufzubewahren.

Im Januar schrieb Theresa Otto ihr eine Nachricht. Ein einziger kurzer Satz: „Paul heiratet. Bist du jetzt zufrieden?“

Anna las die Zeile, wartete eine Minute und antwortete: „Ich wünsche ihm alles Gute.“

Danach kam nichts mehr.

Sie legte das Telefon auf den Tisch, nahm ihre Kaffeetasse und blickte wieder zum Fenster hinaus. Die Kastanie draußen trieb bereits die ersten Knospen, fast unmerklich, wie es immer geschieht. Der Winter zog sich leise zurück, ohne Ankündigung.

Anna trank einen Schluck, klappte den Laptop auf und begann mit einem neuen Auftrag.

Das Leben ging weiter. Ihr Leben. Das, was sie damals in der großen Tasche mitgenommen hatte, zusammen mit den Unterlagen, der Kaffeemaschine und der beigen Mappe mit den Bändern.