Der Frühling kam unauffällig, so wie alles Echte kommt. Ohne Warnung. Ohne großes Getöse.
Anna ging durch die Innenstadt, einen Becher Kaffee zum Mitnehmen in der Hand, und sie hatte es nicht eilig. Sie ging einfach. Schon das fühlte sich neu an: unterwegs zu sein, ohne Ziel, ohne Plan, ohne das dumpfe Gefühl, irgendwo warte bereits die nächste Forderung auf sie.
Das Handy vibrierte. Eine unbekannte Nummer.
„Anna Krause?“ Die Männerstimme klang ruhig. „Hier ist Emil Weiß. Wir sind uns im Februar bei der Präsentation begegnet. Sie haben damals das visuelle Konzept für ‚Form‘ gemacht.“
„Ja“, sagte Anna. „Ich erinnere mich.“
„Ich gründe gerade ein kleines Architekturbüro und suche eine Art-Direktorin. Ihr Name wurde mir empfohlen.“
Anna blieb vor dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen. In der Scheibe sah sie ihr Spiegelbild: ein ruhiges Gesicht, gerader Rücken, Kaffee in der Hand.
„Erzählen Sie mir mehr“, sagte sie.
Sie sprachen zwanzig Minuten. Danach verabredeten sie sich für die folgende Woche. Anna steckte das Handy weg, trank den Kaffee aus und ging in die Buchhandlung hinein. Einfach so. Weil sie Lust dazu hatte.
Sie schlenderte zwischen den Regalen hindurch und ließ die Finger über die Buchrücken gleiten. Ein Buch nahm sie heraus, blätterte darin und stellte es wieder zurück. Dann griff sie nach einem anderen und wusste nach dem ersten Satz, dass sie es kaufen würde. Ein Krimi mit rotem Einband, der Autor war ihr unbekannt. Es gefiel ihr einfach.
An der Kasse saß eine junge Frau mit müdem Gesicht. Anna lächelte sie an, ohne besonderen Grund. Die Verkäuferin wirkte überrascht, lächelte dann aber zurück.
Draußen schob Anna das Buch in ihre Tasche und ging weiter. Vorbei an Cafés, an Blumenständen, an Gesprächsfetzen fremder Menschen und an Geschichten, die nicht ihre waren. Die Stadt lebte, rauschte, bewegte sich.
Und sie ebenso.
Keine Bitterkeit. Kein Triumph. Nur dieses gleichmäßige, feste Empfinden, dass alles seinen richtigen Lauf nahm. Dass sie dort war, wo sie hingehörte. Dass vor ihr noch vieles lag. Und dass genau das gut war.
Drei Jahre zuvor war sie durch eine fremde Tür gegangen und hatte begonnen, ein fremdes Leben zu führen. Später war sie wieder hinausgetreten — mit einer Tasche, einer Mappe, der Kaffeemaschine und dem Einzigen, was ihr niemand nehmen und niemand streitig machen konnte.
Mit sich selbst.