Brigitte Hoffmann starrte ihn an, als hätte sie ihn nicht verstanden.
„Das ist doch nicht dein Ernst.“
„Doch“, erwiderte er ruhig. „Wir können hier nicht mehr bleiben. Du hast aus unserem Zuhause einen Ort gemacht, an dem niemand mehr atmen kann.“
„Stefan!“ Sie packte ihn am Ärmel, plötzlich nicht mehr herrisch, sondern erschrocken. „Du wirst doch deine eigene Mutter nicht im Stich lassen!“
„Ich lasse dich nicht im Stich“, sagte er. „Aber unter einem Dach werden wir nicht mehr leben. Es tut mir leid, Mama. Du hast selbst alles dafür getan.“
Dann ging er zu Laura zurück. Er musste sie beruhigen, ihr Mut machen, mit ihr überlegen, was sie einpacken und wie sie gehen würden. Zum ersten Mal seit langer Zeit sprachen sie nicht darüber, wie sie den nächsten Streit überstehen sollten, sondern über eine Zukunft. Über ein Leben ohne tägliche Vorwürfe, ohne Schreie, ohne Angst vor dem nächsten Ausbruch.
Brigitte blieb allein in der Küche zurück. Erst jetzt begriff sie, dass sie zu weit gegangen war. Doch diese Erkenntnis kam zu spät.
Zwei Jahre vergingen.
Laura stand auf dem Balkon ihrer kleinen Wohnung an der Ostsee und wiegte den einjährigen Emil in den Armen. Der Junge schlief tief und fest, das Gesicht an ihre Schulter geschmiegt, sein Atem warm und gleichmäßig. Unten rauschte das Meer, irgendwo in der Nähe blühten Magnolien, und in der Luft lag jener Duft nach Salz, Sommer und Freiheit, den Laura inzwischen liebte.
„Schatz, das Essen ist fertig!“, rief Stefan aus der Küche.
Behutsam trug sie Emil ins Zimmer und legte ihn in sein Bettchen. Die Wohnung war nicht groß, aber sie gehörte ihnen wie ein Versprechen: helle Wände, Spielzeug in einer Ecke, Bücher, ein weicher Teppich, Fotos auf dem Regal. Auf einem Bild hielten zwei übermüdete, glückliche junge Eltern ihren neugeborenen Sohn im Arm.
„Und? Wie war dein Tag?“, fragte Laura, als sie sich zu Stefan an den Tisch setzte.
„Gut“, antwortete er und lächelte. „Mein Chef hat heute angedeutet, dass bald eine Beförderung drin sein könnte. Und bei dir? Läuft es mit deinen Aufträgen?“
„Mehr als genug zu tun. Die Kunden sind zufrieden.“
Sie aßen einen Salat, den Laura irgendwann nach einem Rezept aus dem Internet ausprobiert und seitdem immer wieder verbessert hatte. Dabei erzählten sie einander von Kleinigkeiten: einem schwierigen Kunden, einem Kollegen, Emils neuen Lauten, dem Nachbarn, der wieder seine Blumen auf dem Treppenabsatz gegossen hatte. Es war ein gewöhnliches Abendessen. Ein normales Gespräch zwischen Mann und Frau. Genau so etwas hatten sie sich früher kaum noch vorstellen können.
Da klingelte Stefans Handy.
Er warf einen Blick auf das Display, und seine Miene verfinsterte sich.
„Onkel Thomas.“
Laura nickte. „Geh ran.“
„Hallo, Onkel Thomas… Was? Wann ist das passiert? … Verstehe… Ja. Natürlich kommen wir.“
Laura sah ihn angespannt an. Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.
„Stefan, was ist los?“
Er legte das Telefon auf den Tisch und atmete schwer aus.
„Mama liegt im Krankenhaus. Sie hatte einen Schlaganfall.“
Schon am nächsten Tag fuhren sie nach Berlin. Auf der Intensivstation wirkte Brigitte Hoffmann erschreckend klein. Sie lag blass zwischen Kabeln, Schläuchen und piependen Geräten. Von der stolzen, lauten Frau, die früher jeden Raum beherrscht hatte, war kaum etwas geblieben.