Geschichte
„Ihr verdient doch beide gut, du und Jonas. Sind euch etwa 130 Euro für seine Mutter zu schade?“ sagte Marie ruhig, ohne den Blick vom Laptop zu nehmen, während Jonas die Stirn kraus zog

„Ihr verdient doch beide gut, du und Jonas. Sind euch etwa 130 Euro für seine Mutter zu schade?“ sagte Marie ruhig, ohne den Blick vom Laptop zu nehmen, während Jonas die Stirn kraus zog

Die freche Anspruchshaltung fühlt sich schmerzhaft ungerecht an.

4 293 Leser 3 Seiten ~3 Min.

Die SMS der Bank, dass mein Gehalt eingegangen war, kam genau zwei Minuten vor dem Anruf meiner Schwiegermutter.

— Marie, grüß dich, meine Liebe. Ist das Gehalt schon da? — Die Stimme von Stefanie Peters klang weich, beinahe gurrend, doch es war keine Frage. Es war eine Feststellung.

— Überweis mir bitte 450 Euro. Übermorgen wird meine Kreditrate abgebucht. Du hast es doch nicht vergessen?

Nein, ich hatte es nicht vergessen. Seit sieben Jahren arbeite ich als Kreditsachbearbeiterin und merke mir nicht nur Zahlungstermine anderer Leute ziemlich genau. Ich weiß auch, wie geschickt manche ihre Dreistigkeit als familiäre Hilfsbereitschaft tarnen.

Stefanie Peters hatte ihr ganzes Leben in der Warenwirtschaft gearbeitet. Die Zeiten der Mangelwirtschaft waren längst vorbei, aber die Gewohnheit, Güter zu verteilen und zu entscheiden, wem wie viel zustand, war ihr geblieben. Nur dass inzwischen nicht mehr Lebensmittel oder Haushaltswaren verteilt wurden, sondern das Einkommen meines Mannes und meines eigenes.

Jonas Mayer saß mir am Küchentisch gegenüber und prüfte Lieferscheine für seine Sanitärlieferungen. Als er die Stimme seiner Mutter aus dem Lautsprecher meines Handys hörte — ich stellte immer auf Freisprechen, wenn meine Hände mit Unterlagen beschäftigt waren —, hob er den Kopf und zog die Stirn kraus.

— Stefanie Peters, — sagte ich ruhig, ohne den Blick vom Arbeitslaptop zu nehmen. — Ihre monatliche Rate beträgt 321 Euro. Woher kommen plötzlich 450?

— Ach, Marie, fang jetzt nicht wieder mit deinen bankmäßigen Spitzfindigkeiten an, — der süßliche Ton kippte sofort in gereizte Befehlsgewalt. — 321 für den Kredit, und der Rest ist für Nebenkosten und Lebensmittel. Ihr verdient doch beide gut, du und Jonas. Sind euch etwa 130 Euro für seine Mutter zu schade?

— Du sitzt im Warmen, schiebst Papiere hin und her und hast keine Ahnung, wie schwer es einfache Rentner haben.

— In einem Kreditvertrag gibt es keinen Posten „Nebenkosten“, Stefanie Peters. Und auch keinen Vermerk „Familienschuld“. Es gibt eine Vertragsnummer, einen Zinssatz und eine eingetragene Kreditnehmerin. Und diese Kreditnehmerin sind Sie.

Am anderen Ende der Leitung breitete sich eine schwere Stille aus.

Stefanie Peters holte hörbar Luft, bereit für die nächste vertraute Drucknummer. Diesmal ließ ich sie nicht dazu kommen.

— Genau genommen hatte ich gar nicht vor, Ihnen diesen Monat auch nur einen Cent zu überweisen. Weder dreihundertzwanzig Euro noch vierhundertfünfzig.

Jonas legte den Kugelschreiber quer über die Lieferscheine. Er sagte nichts, doch sein Blick wurde kalt und scharf. Ungerechtigkeit konnte er schon im Geschäft nicht ausstehen. In der eigenen Familie erst recht nicht.

— Wie soll ich das denn verstehen?! — Stefanie Peters’ Stimme kippte vor Empörung in eine schrille Höhe. — Ihr wollt mich also mit den Schulden sitzen lassen? Ich habe diesen Kredit für euch aufgenommen! Für die Familie!

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