„Ich weiß es noch nicht“, sagte sie leise. „Vielleicht. Aber eines musst du wissen: Es hat nichts mit dir zu tun. Ganz egal, was passiert, du bist nicht schuld.“
„Ich weiß“, antwortete Lena und nickte. „Clara Lehmann aus meiner Klasse hat erzählt, dass bei ihr auch alle gesagt haben, es wäre nicht ihre Schuld, als ihre Eltern sich getrennt haben. Aber sie wusste das sowieso. Ihre Eltern haben sich einfach nicht mehr geliebt.“
Julia schluckte.
„Du bist ein sehr kluges Mädchen.“
„Mama, wenn ihr euch wirklich trennt … wohne ich dann bei dir?“
„Natürlich, mein Schatz. Du bleibst bei mir. Und Papa kannst du sehen, wann immer du möchtest.“
Lena sagte eine Weile nichts. Dann legte sie die Arme um ihre Mutter.
„Ich werde trotzdem traurig sein. Aber ich schaffe das.“
Julia drückte sie fest an sich. Für sie musste sie stark bleiben. Für dieses kleine Mädchen, das schon viel mehr begriff, als Julia lieb war.
Markus kam am Abend des nächsten Tages zurück. Julia hörte, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde, und ihr Herz begann so heftig zu schlagen, als wollte es gegen ihre Rippen hämmern. Lena saß in ihrem Zimmer über den Hausaufgaben.
Er trat ins Wohnzimmer. Gebräunt, den Koffer in der Hand, mit einem Ausdruck im Gesicht, der nach Schuld und Unsicherheit aussah.
„Hallo“, sagte er leise.
„Hallo.“
„Ist Lena da?“
„In ihrem Zimmer.“
Markus stellte den Koffer an die Wand. Dann ging er zum Sofa, blieb jedoch davor stehen, als wüsste er nicht, ob er sich setzen durfte.
„Julia, ich … Gott, ich weiß nicht einmal, womit ich anfangen soll.“
„Dann fang gar nicht erst an. Ich habe gestern alles gesagt, was ich sagen wollte.“
„Aber wir müssen reden. Richtig reden.“
„Worüber? Darüber, dass du mich betrogen hast? Darüber, dass du mir ins Gesicht gelogen hast? Oder darüber, was ich jetzt deiner Meinung nach tun soll?“
„Darüber, wie es weitergeht.“ Markus fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Julia, ich habe Mist gebaut. Das weiß ich. Aber wir können doch nicht einfach alles wegwerfen. Elf Jahre. Unsere Familie. Lena.“
„Du hast alles weggeworfen, als du mit deiner Geliebten nach Bali geflogen bist.“
„Ich weiß!“ Seine Stimme wurde lauter, doch sofort riss er sich zusammen. „Ich weiß, dass es meine Schuld ist. Aber lass uns wenigstens versuchen, irgendetwas zu retten. Wir können zu einer Beratung gehen. Zu einem Therapeuten. Ich mache alles, was du willst.“
„Und was willst du, Markus? Dass ich dir verzeihe? Dass ich so tue, als wäre nichts passiert? So wie beim letzten Mal?“
Er erstarrte.
„Woher … Welches letzte Mal?“
„Hast du wirklich geglaubt, ich hätte vor zwei Jahren nichts von deiner Clara Lehmann gewusst?“ Julia sah ihn an, ohne den Blick zu senken. „Ich wusste es. Ich habe nur gehofft, es sei ein Ausrutscher. Dass du zur Vernunft kommst. Ich habe dir damals eine Chance gegeben.“
„Mein Gott, Julia …“
„Und du hast offenbar beschlossen, dass ich dumm genug bin, um alles weiter hinzunehmen. Einmal verziehen, also verzeiht sie auch ein zweites Mal. Und ein drittes. Und irgendwann vielleicht auch ein zehntes.“