„Falls es Sie beruhigt: Ich habe meine Sachen schon gepackt. Ich habe ihm gesagt, dass ich abreise. Erst wollte er mich aufhalten, dann fing das Theater mit den Karten an.“

„Dann soll er wenigstens einmal erleben, wie es ist, wenn einem die Pläne zusammenbrechen.“

„Ich wünsche Ihnen viel Kraft. Ehrlich.“

Julia legte das Handy beiseite. Es war eine absurde Situation: mit der Geliebten ihres Mannes zu schreiben. Doch Sophie wirkte tatsächlich wie jemand, der ebenfalls belogen worden war. Vielleicht waren sie beide auf ihre Weise Betrogene.

Nein. Nicht ganz. Sophie konnte einfach gehen und ihr Leben fortsetzen. Julia dagegen musste entscheiden, was aus der zerbrochenen Familie werden sollte. Sie musste Lena erklären, warum ihre Eltern nicht mehr zusammenleben würden.

In dieser Nacht fand Julia keinen Schlaf. Sie lag im Dunkeln und starrte an die Zimmerdecke, während die letzten Jahre vor ihrem inneren Auge vorbeizogen. Wann hatte es angefangen? Wann war Markus innerlich von ihr abgerückt?

Oder war er immer schon so gewesen, und sie hatte es nur nicht sehen wollen? Kleine Lügen, halbe Wahrheiten, spätes Heimkommen. Sie hatte ihm jedes Mal geglaubt, hatte für alles eine Erklärung gefunden. „Er ist erschöpft, er arbeitet zu viel, er steht unter Druck.“

Ihr Blick fiel auf das Handy.

In diesem Moment vibrierte es. Eine Nachricht von Markus.

„Julia, ich bitte dich. Überweis mir wenigstens 100 €. Ich muss morgen das Taxi zum Flughafen bezahlen und mein Ticket umbuchen. Ich komme früher zurück, noch heute ändere ich den Flug. Ich warte keine vier Tage mehr. Morgen bin ich zu Hause, dann reden wir über alles.“

Julia las die Zeilen einmal. Dann noch einmal. Schließlich öffnete sie die Banking-App und überwies ihm 50 €.

„Für Taxi und etwas zu essen. Mehr nicht. Frag mich nicht noch einmal.“

Die Antwort kam sofort.

„Danke. Wirklich, danke, Julia. Morgen bin ich da.“

„Gut.“

„Ich mache alles wieder gut. Ich verspreche es dir.“

Darauf schrieb sie nichts mehr. Markus’ Versprechen hatten ihren Wert verloren.

Am nächsten Morgen machte sich Lena für die Schule fertig und erzählte nebenbei irgendetwas aus ihrer kleinen Welt. Julia bereitete das Frühstück fast mechanisch zu: Haferbrei, belegte Brote, Tee. Jede Bewegung war eingeübt, als würde ihr Körper allein funktionieren, während ihr Kopf ganz woanders war.

„Mama, warum bist du so traurig?“

Julia stellte die Tasse ab und zwang sich zu einem ruhigen Gesicht.

„Ich habe nur schlecht geschlafen, mein Schatz.“

„Wegen Papa?“

Für einen Moment blieb sie wie angewurzelt stehen.

„Wie kommst du darauf?“

Lena zuckte mit den Schultern.

„Ihr habt euch gestern gestritten. Ich hab’s gehört.“

Gott, dachte Julia, Kinder bekommen einfach alles mit. Selbst das, was man vor ihnen zu verstecken versucht.

Sie ging zu ihrer Tochter, hockte sich neben sie und nahm ihre Hand.

„Hör mir zu. Erwachsene müssen manchmal schwierige Gespräche führen. Das heißt aber nicht, dass wir dich weniger liebhaben. Verstehst du?“

„Lasst ihr euch scheiden?“ Lena sah sie direkt an. In diesem Blick lag eine Ernsthaftigkeit, die nicht zu einem Kindergesicht passte, und Julia musste gegen die Tränen ankämpfen.