„Und Lena?“

„Lena sagen wir, dass du länger beruflich unterwegs bist. Wenn ich wirklich weiß, wie es weitergeht, reden wir gemeinsam mit ihr.“

„Julia …“ Seine Stimme wurde rau. „Ich will meine Familie nicht verlieren.“

Sie sah ihn an, und für einen Moment tat er ihr fast leid.

„Dann hättest du früher daran denken müssen.“

Drei Wochen vergingen. Markus schrieb ihr jeden Tag. Anfangs waren es lange Nachrichten voller Rechtfertigungen, Erklärungen, Versprechen. Später wurden sie kürzer. Er fragte, wie es ihr gehe, erzählte etwas Belangloses aus der Arbeit, schickte ein Foto von irgendeinem Kaffee, als könne Normalität einfach wiederhergestellt werden, wenn man sie nur oft genug vorspielte.

Julia antwortete knapp. Freundlich genug, um nicht grausam zu wirken. Distanziert genug, um keine Hoffnung zu wecken.

Lena vermisste ihren Vater, aber sie fragte erstaunlich selten, wann er zurückkommen würde. Manchmal saß sie still am Esstisch und malte, manchmal blieb ihr Blick an der leeren Garderobe hängen. Es war, als ahnte sie längst, dass eine Rückkehr nicht unbedingt bedeutete, dass alles wieder so werden konnte wie früher.

Julia dachte viel nach. Zu viel. In manchen Nächten lag sie wach, starrte in die Dunkelheit und stellte sich immer dieselben Fragen. Konnte sie verzeihen? Wollte sie das überhaupt? Und selbst wenn sie es wollte — würde es reichen?

Auf der einen Seite standen Jahre gemeinsamer Erinnerungen. Ein Kind. Eine Wohnung, in der jeder Gegenstand eine Geschichte hatte. Sonntage, Geburtstage, Urlaube, Gewohnheiten. Dieses leise, eingespielte Leben, das man erst bemerkt, wenn es Risse bekommt.

Auf der anderen Seite standen Lügen. Fremde Nähe. Das Wissen, dass er sie angesehen hatte, während er bereits etwas vor ihr verbarg. Und die Angst, dass es nicht bei diesem einen Mal bleiben würde. Dass sie irgendwann wieder Hinweise suchen, wieder zweifeln, wieder zittern würde.

Schließlich vereinbarte sie einen Termin bei einer Psychologin.

Sie saß in einem hellen Zimmer, auf einem weichen Sessel, einer Frau gegenüber, die ungefähr vierzig sein mochte und einen ruhigen, aufmerksamen Blick hatte. Und dort, in diesem fremden Raum, sprach Julia zum ersten Mal alles aus, ohne sich zu bremsen. Sie erzählte von Markus’ Untreue, von seinem Schweigen, von den halben Wahrheiten. Davon, wie sehr sie sich vor dem Alleinsein fürchtete — und wie viel schlimmer ihr der Gedanke erschien, in einer Ehe zu bleiben, in der ihr Vertrauen keinen Wert mehr hatte.

Die Psychologin hörte lange zu. Dann fragte sie leise:

„Wissen Sie, was Sie sich wünschen?“

Julia presste die Hände ineinander.

„Ich wünsche mir, dass es wieder so ist wie früher. Dass ich ihm glauben kann.“

„Glauben Sie, dass das möglich ist?“

Julia schwieg. Die Antwort lag bereits in ihr, aber sie auszusprechen tat weh.

„Nein“, sagte sie schließlich. „So werde ich ihm nie wieder vertrauen. Nicht mehr wie vorher.“

Die Psychologin nickte nur.

„Dann kennen Sie Ihre Antwort vermutlich schon.“

Genau drei Wochen später kam Markus zurück. Julia hatte ihn eingeladen, bewusst zu einer Uhrzeit, zu der Lena in der Schule war.