Als sie die Tür öffnete, erschrak sie beinahe. Er sah verändert aus. Schmaler im Gesicht, müde, älter. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.

„Hallo“, sagte er.

„Hallo. Komm rein.“

Sie gingen in die Küche. Julia stellte zwei Tassen auf den Tisch und goss Tee ein, weil sie irgendetwas mit ihren Händen tun musste.

Markus setzte sich ihr gegenüber. In seinem Blick lag eine vorsichtige, beinahe kindliche Hoffnung.

„Und?“, fragte er. „Hast du eine Entscheidung getroffen?“

„Ja.“

Er schluckte.

„Welche?“

Julia hielt seinem Blick stand.

„Ich möchte die Scheidung.“

Markus schloss die Augen. Einen langen Atemzug lang sagte er nichts.

„Bist du dir sicher?“

„Ja.“

„Darf ich fragen, warum?“

„Weil ich dir nicht mehr vertrauen kann.“ Ihre Stimme blieb ruhig, obwohl ihr Herz heftig schlug. „Und ohne Vertrauen bleibt nichts übrig, worauf man eine Ehe stellen könnte. Du kannst mir versprechen, dass es nie wieder passiert. Du kannst zur Therapie gehen, Bücher lesen, dich ändern wollen. Vielleicht meinst du es sogar ernst. Aber ich würde mich trotzdem jedes Mal fragen, wo du bist, mit wem du sprichst, warum du später kommst. Ich würde dein Handy sehen und an alles denken. Ich würde Kontoauszüge, Nachrichten, Zufälle prüfen. Und das will ich nicht werden. Das wäre kein Leben. Das wäre ein langsames Kaputtgehen.“

„Julia …“

„Ich will Frieden“, fuhr sie fort. „Ich möchte nicht bei jeder Verspätung Angst bekommen. Ich möchte nicht kontrollieren, nicht misstrauisch werden, nicht an mir selbst zweifeln. Ich will nicht zu jemandem werden, der ständig nach Beweisen sucht. Der einzige Weg, damit aufzuhören, ist, dich gehen zu lassen.“

Markus saß reglos da. Dann nickte er kaum merklich.

„Ich verstehe“, sagte er heiser. „Vielleicht … vielleicht hast du recht.“

Julia legte ihre Hand auf seine. Nicht aus Liebe wie früher, sondern aus Mitgefühl.

„Ich will dich nicht verletzen. Wirklich nicht. Du bist Lenas Vater. Wir hatten viele gute Jahre miteinander. Aber ich muss weiterleben. Und ich will das nicht in Angst tun.“

„Und was sagen wir Lena?“

„Wir sagen es ihr zusammen. Ruhig. Dass sich Erwachsene manchmal trennen, ohne dass das Kind schuld ist. Dass du für sie da bleibst. Dass sie dich sehen wird. Dass wir sie beide lieben.“

Markus wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Wann?“

„Heute Abend. Ich bitte meine Schwester, da zu sein. Nur für den Fall, dass Lena danach nicht allein sein möchte.“

„In Ordnung.“

Eine Weile saßen sie schweigend am Küchentisch, ihre Hände noch immer ineinandergelegt. Es war seltsam, diesen Augenblick zu begreifen. Kein Streit, kein Geschrei, kein dramatischer Abschied. Nur zwei Menschen, die verstanden, dass ihr gemeinsames Leben an einer Grenze angekommen war. Aus „wir“ würden zwei einzelne Wege werden. Sie und er. Nebeneinander vielleicht, aber nicht mehr gemeinsam.

„Glaubst du, du wirst glücklich?“, fragte Markus irgendwann.

Julia blickte zum Fenster.

„Ich weiß es nicht. Aber ich möchte es versuchen.“

„Es tut mir leid“, sagte er. „Alles.“

„Ich versuche, dir zu verzeihen. Vielleicht schaffe ich es eines Tages.“