Fünfundfünfzig Gesichter richteten sich auf mich. Unter ihnen war auch Anna Richter mit ihrem Mann, meine Kollegin. Sie war die Einzige hier, die wusste, wie viel ich verdiente und wofür mein Geld Monat für Monat draufging. Sie sah mich an und nickte kaum merklich.
Ich holte Luft. Meine Hände zitterten nicht.
– Lukas Weber, – begann ich, – danke für Ihren Toast. Er war ehrlich. Sie glauben wirklich, dass ich auf Ihre Kosten lebe. Das höre ich seit vierzehn Jahren. Und heute möchte ich Ihnen endlich antworten. Vor allen. Weil Sie es auch vor allen gesagt haben.
Der Saal erstarrte. Julia öffnete leicht den Mund.
– Sie haben Daniel eine Wohnung geschenkt. Das stimmt. Zwei Zimmer, fünfter Stock, Plattenbau. Dafür danke ich Ihnen. Es war großzügig. Aber die Renovierung dieser Wohnung – Böden, Wände, Bad, Küche – habe ich bezahlt. 7.800 Euro. Von meinem Gehalt. Die Belege habe ich aufgehoben.
Jemand am Tisch räusperte sich. Lukas Weber hörte auf zu lächeln.
– Seit elf Jahren gehe ich arbeiten, – fuhr ich fort. – Jeden Werktag, von acht bis fünf, in der Molkerei. Als Laborantin in der Qualitätskontrolle. Ich spüle dort keine Reagenzgläser aus, auch wenn Sie das gern so darstellen. Ich prüfe Lebensmittel, die andere Menschen später kaufen und essen. Prüfberichte, Analysen, Grenzwerte, Vorschriften – das ist mein Beruf. Und dafür bekomme ich mein Gehalt.
Die Stille im Saal wurde noch schwerer. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Claudia Wagner sich zu mir drehte. Diesmal wandte sie den Blick nicht ab.
– Leons Judo und seine Mathenachhilfe bezahle ich. Mias Zeichenkurs ebenfalls. Das sind 180 Euro im Monat. Lebensmittel kaufen Daniel und ich zur Hälfte. Kleidung für die Kinder übernehme ich. Mein Anteil an dieser Familie ist nicht kleiner als der von irgendjemandem hier an diesem Tisch.
Lukas setzte sich. Langsam, schwer, als hätten seine Beine plötzlich nachgegeben.
– Und noch etwas, – sagte ich. – Dieses Fest hier. Ihr Jubiläum. 4.500 Euro. Von Ihnen kamen 1.000. Daniel hat 1.500 beigesteuert. Die übrigen 2.000 Euro habe ich überwiesen. Am 20. März, um 14:07 Uhr, an das Restaurant „Birkenhain“. Sie können es nachprüfen.
Ich legte das Mikrofon vor dem Moderator auf den Tisch.
– Auf einen großzügigen Schwiegervater, – sagte ich und hob mein Glas.
Vierzig Sekunden lang sagte niemand ein Wort. Ich zählte sie mit. Zählen kann ich gut. Das gehört zu meiner Arbeit.
Dann murmelte irgendwo am anderen Ende des Saales jemand leise: „Na, das ist mal eine Ansage.“ Neben mir berührte Claudia Wagner kurz meine Hand und flüsterte: „Stark.“
Lukas Weber saß da und starrte auf seinen Teller. Der Siegelring lag unbeweglich auf der Tischdecke; er hatte ihn abgezogen und neben die Gabel gelegt. Zum ersten Mal sah ich seine Hand ohne diesen Ring. Die Finger wirkten schmaler. Älter.
Daniel war kreidebleich. Er sah weder zu seinem Vater noch zu mir. Mit beiden Händen rieb er sich über den Nacken, als wollte er sich den Kopf vom Hals drehen.
Julia Neumann stand auf und verließ den Saal. Kurz darauf hörte ich, wie die Tür ins Schloss fiel.