Lukas Weber kam als Letzter. Weißes Hemd, schwarzes Jackett, am kleinen Finger ein Ring, der im Licht der Lampen funkelte. Kaum betrat er den Saal, begann Applaus. Das Geburtstagskind war da.

Wir setzten uns. Die Trinksprüche wanderten von Tisch zu Tisch. Der erste kam von seinem Bruder. Der zweite von Julia. Der dritte von einem alten Freund, der erzählte, wie sie in den Neunzigern mit dem Baugeschäft angefangen hatten, „mit zwei Schaufeln und einem klapprigen Lieferwagen“.

Ich saß zwischen Daniel und einer Frau, die ich nicht kannte. Sie war die Ehefrau irgendeines Kollegen. Sie stellte sich als Claudia Wagner vor und fragte sofort:

– Und was sind Sie für den Jubilar?

– Seine Schwiegertochter.

Sie nickte anerkennend.

– Da haben Sie aber Glück mit Ihrem Schwiegervater. Man sagt, er sei sehr großzügig.

Ich lächelte. Unter dem Tisch knüllte ich die Serviette in meiner Hand zusammen.

Gegen neun war schon ordentlich getrunken worden. Der Moderator reichte Lukas Weber das Mikrofon für ein paar Dankesworte. Im Saal wurde es ruhiger.

Lukas erhob sich. Er richtete die Schultern auf. Er war ein großer Mann, fast einen Kopf größer als viele andere, breit und wuchtig wie ein Schrank. Seine Stimme klang tief und befehlend. Eine Stimme, bei der niemand dazwischenredet.

– Ich danke euch allen, – begann er. – Danke, dass ihr gekommen seid. Fünfundsechzig, das ist kein kleiner Geburtstag. Das ist nicht bloß eine Zahl. Das ist eine Bilanz.

Mehrere Gäste nickten.

– Ich habe ein Haus gebaut. Ich habe ein Unternehmen hochgezogen. Ich habe zwei Kinder großgezogen. Daniel ist Bauleiter, meine rechte Hand. Julia arbeitet in der Buchhaltung, bei ihr läuft die Kontrolle zusammen. Meinem Sohn habe ich eine Wohnung gegeben. Arbeit habe ich ihm gegeben. Für die Familie habe ich gesorgt.

Er machte eine Pause. Dann wandte er den Kopf in meine Richtung. Sein Ring stieß leise gegen das Glas. Ein heller, dünner Klang.

– Und jetzt möchte ich auf meine Schwiegertochter Katharina Berger trinken. Auf die Frau, die auf unsere Kosten lebt.

Für einen Moment war alles still. Dann hörte man vereinzeltes Lachen. Von weiter hinten rief jemand:

– Na, der Alte haut wieder einen raus!

Claudia Wagner neben mir drehte den Kopf weg, als hätte sie nichts gehört.

Lukas Weber lachte laut. Offen, zufrieden, aus vollem Herzen. Für ihn war es kein Angriff. Er glaubte daran. Er war überzeugt, dass es witzig war, dass es stimmte und dass alle im Saal seiner Meinung waren.

Fünfundfünfzig Menschen hoben ihre Gläser. Manche nur aus Höflichkeit. Manche, weil es eine Feier war und niemand widersprechen wollte. Und manche, weil sie tatsächlich genauso dachten.

Neben mir umklammerte Daniel seine Gabel. Er sah mich nicht an. Er sagte kein Wort.

Ich wartete, bis alle getrunken hatten. Ich wartete, bis der Moderator wieder nach dem Mikrofon griff. Dann stand ich auf.

– Darf ich? – fragte ich ihn. – Nur eine Minute.

Der Moderator sah zu Lukas hinüber. Lukas zuckte mit den Schultern.

– Na los, Schwiegertochter. Sag deinen Toast.

Ich nahm das Mikrofon. Es war warm von fremden Händen.