Geschichte
„Du widerst mich an, seit der ersten Nacht“ verkündete Sebastian mit triumphierendem Ekel ins Mikrofon vor den versammelten Gästen

„Du widerst mich an, seit der ersten Nacht“ verkündete Sebastian mit triumphierendem Ekel ins Mikrofon vor den versammelten Gästen

Diese schmerzhafte, niederträchtige Demütigung brannte unauslöschlich.

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Sophie Kraus strich mit der Hand über die Tischdecke. Unter ihren Fingern zerbrach eine Brotkrume mit einem leisen Knacken. Im Saal des örtlichen Bürgerhauses lag ein dumpfes Stimmengewirr, vermischt mit dem Geruch von gebratenem Fleisch und fremdem Parfüm. Fünfzehn Jahre Ehe. Die Gäste drängten sich an den Tischen, stießen an, lachten.

Sebastian Krüger saß neben ihr, breit gebaut, im dunkelblauen Sakko. Immer wieder rückte er seine Krawatte zurecht. War er nervös? Oder sammelte er sich für seinen Auftritt?

Sophie drehte den Ehering an ihrem Finger. Er ließ sich kaum bewegen. Früher hatte er locker gesessen, jetzt schnitt er in die Haut. Seit einem halben Jahr hatte sie ihn nicht mehr getragen. Nur heute hatte sie ihn angelegt. Mit Absicht. Er sollte an ihrer Hand sein, wenn Sebastian aussprach, was er schon lange vorbereitet hatte.

Sie wusste es. Schon seit Langem.

Sebastian erhob sich und nahm das Mikrofon. Das Gemurmel im Saal verstummte. Er richtete sich auf, ließ den Blick über die Gäste gleiten und wandte sich dann langsam seiner Frau zu. In seinem Gesicht lag eine seltsame Mischung aus Triumph und Ekel.

„Sophie“, begann er laut und deutlich. „Auf diesen Tag warte ich seit fünfzehn Jahren. Du widerst mich an, seit der ersten Nacht. Verstehst du? Du hast mich immer angewidert. Ich konnte dich kaum berühren, ohne mich zu ekeln. Für mich warst du nur die Eintrittskarte in ein bequemes Leben. Nicht mehr. Eine langweilige Apothekerin, die nach Medikamenten riecht. Morgen reiche ich die Scheidung ein. Das Geschäft bleibt bei mir. Dir bleiben deine Tabletten und die Leere.“

Es wurde so still, dass man hörte, wie jemand schwer schluckte. Michael Otto, Sophies Vater, zuckte zusammen und krallte die Finger in die Tischkante. Eine Frau stieß einen erstickten Laut aus.

Sophie zog den Ring ab. Langsam, ohne Sebastian anzusehen. Sie legte ihn vor sich auf den Tisch. Dann hob sie den Blick, trocken und ruhig, und nickte ihrem Neffen Noah Lehmann zu, der mit einem Laptop an der Wand saß.

„Mach es an.“

Der Bildschirm an der Stirnseite flackerte auf. Zuerst begriff niemand, was gezeigt wurde. Dann erklang eine Stimme. Eine vertraute.

Auf der Aufnahme saß Sebastian in seinem Büro auf dem Betriebshof. Vor ihm stand Emily Koch, das rothaarige Mädchen aus der Disposition, in einem engen Rollkragenpullover.

„Und sie merkt wirklich nichts?“, fragte Emily und beugte sich näher zu ihm.

„Die ist doch zu blöd dafür“, lachte Sebastian. „Sie hockt den ganzen Tag in der Apotheke und zählt Pillen. Ich habe drei Kredite auf die Firma laufen lassen, und sie hat keine Ahnung. Sobald wir geschieden sind, bleiben ihr die Schulden. Mir bleibt das Geschäft. Und wir beide, meine Schöne, fangen endlich richtig an zu leben.“

Emily kicherte und streckte die Hand nach ihm aus.

Am Tisch wurde Sebastian kreidebleich. Ruckartig fuhr er zu Sophie herum.

„Was soll dieser…“

Sie antwortete nicht. Noah schaltete zum nächsten Video.

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